Im Zeitalter der totalen technischen Mobilisierung wird es auch neue philosophische Urszenen geben müssen; Szenen also, in denen der Trieb zur Philosophie erwacht; ein Trieb, der etwas mit Weltabstand, Neugier und Hysteriedämpfung zu tun hat, aber auch mit Entsetzen.

Eine dieser neuen "Urszenen" hat Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch mit gehöriger Komik geschildert: "An glühenden Nachmittagen im Trichter von Lyon, in der Rheintalhölle von Köln ... vor sich und hinter sich je fünfzig Kilometer brütendes gestocktes Blech – da steigen schwarze geschichtsphilosophische Einsichten auf wie Auspuffgase, da geht einem Kulturkritisches glossolalisch von den Lippen. Nachrufe auf die Moderne wehen aus den Seitenfenstern, und unabhängig vom Niveau der Schulabschlüsse kommt in den Insassen der Fahrzeuge die Ahnung auf, daß dies nicht mehr lange so weitergehen kann... Auch wer das Wort Postmoderne noch nie gehört hat, ist an diesen Nachmittagen im Stau bereits mit der Sache vertraut geworden."

Al fresco zeichnet Sloterdijk das Bild der Mobilisierung. Ins Detail braucht er nicht mehr zu gehen. Das meiste ist bekannt: das Wettrüsten; das Wachstum der Produktion, der Kommunikation, der Informationen, des Ozonlochs, des Rentenfinanzierungslochs; die Temposteigerung im Konsum, im Verkehr, in der Liebe, im Ausschuß von Theorien und Therapien, von Sinndefiziten und Sinndefizitbewirtschaftungsmaßnahmen. Das Ganze ist eine "denkende Lawine", die sich selbst nicht denken kann.

Aber auch die Theorien über die Katastrophendrift der Zivilisation sind unters allgemeine Gesetz der Beschleunigung geraten. In immer kürzerer Zeit werden immer mehr davon in die Welt gesetzt. Auf den Ausfallstraßen in Richtung Zukunft kommt es zu Staus der Apokalypseprediger- und therapeuten. Man wünscht sich, Peter Sloterdijk möge mit seinem neuen Buch "Eurotaoismus", das den Untertitel "Zur Kritik der politschen Kinetik" trägt, nicht in diesem Stau steckenbleiben.

Als 1983 Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft" erschien, war das ein Ereignis. Das war Selbstaufklärung der Aufklärung, nicht mit der Gebärde des Überbietens, sondern des Beiseitetretens. Geschichten wurden erzählt vom Umschlagen des aufklärenden Gedankens in Zynismus; von Lebensverlassenheit und Körpervergessenheit.

Die Wirkung des Buches hing auch mit seiner politischen Suggestivität zusammen. Man las es, als hätte sein Titel gelautet: "Über das Aussteigertum. Rede an die Gebildeten unter seine Verächter". Mathias Greffrath hat damals in einem Essay über diese politische Suggestivität des Buches geschreiben: "Wer sich mit der Natur und dem Weltall kurzschließen will und dabei die Gesellschaft verläßt, der überläßt die Natur und das Weltall der Bewegung der gesellschaftlichen Vermittlungen, und das heißt: der Beschleunigung der Zerstörungsmaschinerien."

Die Zerstörungsmaschinerie und ihre Beschleunigung ist das ausdrückliche Thema des neuen Buches von Sloterdijk, aber die Geste des Beiseitetretens ist gebleiben. Sloterdijk bezeichnet das als "Subversionsübungen gegen den Absolutismus der Geschichte und der Vergesellschaftung".