JERUSALEM.– Der Aufstand der Palästinenser hat die Stimmung in Israel verändert, vor allem unter den Soldaten, die täglich unmittelbar mit der Intifada konfrontiert werden. Die Ausdauer der Palästinenser, ihre Bereitschaft, neue Opfer zu tragen und die wirtschaftlichen Einbußen des Protestes weiter hinzunehmen, bringt viele Israelis zu der Erkenntnis, daß die moralische Last, die sie mit der Unterdrückung der Intifada auf sich nehmen, zu schwer wird.

Ministerpräsident Schamir konnte es unmittelbar erfahren, als er im vergangenen Monat in der Nähe von Nablus eine Einheit erfahrener Fallschirmjäger-Reservisten besuchte. Einer der Soldaten sagte ihm: „Wenn ich einen Araber schlage, dann spüre ich, wie er stärker wird und ich schwächer.“

Interviews mit Mitgliedern einer Fallschirmjäger-Reservetruppe, die im vorigen Monat im Gaza-Streifen ihre dritte Dienstperiode seit Beginn des Aufstandes ableistete – 75 Tage insgesamt –, bestätigen, wie anders diese Männer heute auf den Konflikt reagieren, wie sie sich als Soldaten darauf einstellen, aber auch als nachdenkliche Bürger.

Unteroffizier Eddie Gigi, der sich selbst politisch rechts einordnet, sagt, er habe vorher noch nie auch nur erwogen, daß Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen könne. Jetzt denkt er darüber nach. Zu Beginn der Unruhen habe seine Einheit einen Monat lang in einem Flüchtlingslager in Gaza Dienst getan und sich ständig mit einem wütenden Mob auseinandersetzen müssen. Ein paar Monate später kehrte die Einheit nach Gaza zurück; die Zwischenfälle waren inzwischen seltener geworden. Während der Übung im vergangenen Monat habe es kaum noch Zusammenstöße gegeben, von ein paar steinewerfenden Kindern abgesehen. Dennoch ist Gigi, der im Zivilberuf einen Supermarkt leitet, überzeugt, daß Israel sich aus dem Gaza-Streifen zurückziehen muß: „Er ist strategisch und historisch für uns von geringer Bedeutung.“

Das Westjordanland, sagt er, sei eine andere Sache. Es sei strategisch und als biblisches Ursprungsland wichtig. Aber auch hier ist er inzwischen bereit, einen größeren israelischen Rückzug ins Auge zu fassen; „das Leben findet eben seine eigenen Lösungen“. Wenn Israel allerdings zwei Drittel des Westjordanlandes aufgäbe, dürfte in dem Israel verbleibenden Drittel kein Araber mehr zugelassen sein. „Das ist meine Folgerung aus der Intifada“, meint Gigi. „Früher dachte ich, wir könnten zusammenleben. Aber jetzt glaube ich, es ist einfach zu schwer, so eng nebeneinander zu sein.“

Ein anderer Soldat, Danny Ben-Tal, steht politisch links. Aber auch er sagt, die Einstellung der Palästinenser wie der Soldaten habe sich seit Beginn der Unruhen verändert. „Im Januar 1988 blickten uns die Palästinenser direkt ins Gesicht, und wir konnten den Haß in ihren Augen sehen. Jetzt blicken sie an uns vorbei und wir an ihnen. Sie haben sich damit abgefunden, daß die Intifada noch lange dauern wird. Sie wissen, daß sie am Ende siegen werden. Und viele von uns wissen das auch.“

Die Spielregeln haben sich ebenfalls gewandelt. Erwachsene Palästinenser, die in den frühen Demonstrationen in vorderster Reihe standen, haben das Feld ganz den Kindern überlassen. Massendemonstrationen finden kaum noch statt. Die Armee hat neue Waffen wie Plastikpatronen und neue Taktiken entwickelt, um sich rasch an jedem beliebigen Ort durchzusetzen. Aber die Truppen, wenigstens die Reservisten unter ihnen, machen sich kaum noch die Mühe, den Steinewerfern hinterherzulaufen. Auch versuchen sie nicht mehr, wie früher, jeden brennenden Autoreifen zu löschen, der seine provozierende Rauchsäule in die Luft schickt.