Polen und Juden, ein Thema, das in Polen in den letzten Jahren die Zeitschriften mitbeherrschte, aber nicht nur das: Die dreißigtausend Exemplare der chassidischen Erzählungen von Martin Buber – 1986 im Verlag der Dominikaner erschienen – waren im Nu vergriffen; Isaak Bashevis Singer gehört bei uns zu den beliebtesten Autoren; man reißt sich um die Anthologien jiddischer und hebräischer Poesie, und das Musical „Anatevka“ in der Inszenierung des Gdingener Musiktheaters 1985 war ein überwältigender Erfolg. In der Kirche werden Diskussionen über den polnischen Antisemitismus und die polnisch-jüdischen Affinitäten geführt. In den Regierungszeitungen fand im letzten Jahr eine Abrechnung mit der antizionistischen Kampagne des Jahres 1968 statt, in deren Folge (nach Schätzungen) bis zu 30 000 Juden Polen verließen. Das Land besinnt sich auf die innere Nachbarschaft zu den Juden, die die polnische Kultur und Gesellschaft jahrhundertelang mitgeprägt hat.

Die junge Generation – vorwiegend frei von Belastungen und Vorurteilen – wendet sich der jüdischen Kultur zu. Nach etlichen Jahren des Schweigens kommt es nun zum Gespräch mit den Schatten der Vergangenheit. Die Zeitschrift Res Publica, die vor einigen Jahren im Untergrund entstand und 1987 die Lizenz zum „Auftauchen“ erhielt, schrieb in ihrer zweiten Nummer: „Diese Generation will gewissermaßen etwas Unmögliches. Sie will diese Kultur nicht nur mehr kennen und verstehen, sondern sie möchte auch erreichen, daß weiterhin ein Dialog zwischen den beiden Kulturen, ein Austausch möglich wäre, daß der Glanz und die Schönheit der jüdischen Tradition weiter fortdauerte. Im Theater, im Kino, in der Belletristik lebt diese Kultur wieder auf, man möchte die Zeit zurückdrehen, sie noch einmal vergegenwärtigen. Man wünschte sich, daß sie nach wie vor spräche, daß sie da wäre. Man wünscht es sich und ist sich bewußt, daß der Verlust der religiösen und ethnischen Minderheiten bedrohlich ist für die polnische Kultur, da sie ihren Elan aus vielerlei Inspirationen schöpft, der Vielfalt der Traditionen. Diese Lücke schmerzt. Sie schreit immer eindringlicher und ruft immer lauter durch ihr Schweigen.“

Dieser Schmerz, den viele junge Intellektuelle empfinden, führt nicht nur zur Abrechnung mit einigen dunklen Kapiteln der polnischen Geschichte, wie der antijüdischen Einstellung der Nationaldemokraten oder der Xenophobie vieler Katholiken, sondern auch zur Rückbesinnung auf spezifische Werte der polnischen Geschichte und Kultur. Polen war schließlich bis zu den Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts eine Adelsrepublik, in der viele Völker und Glaubensgemeinschaften zusammenlebten, darunter etwa eine Million Juden.

Als man die Juden im 13. und 14. Jahrhundert aus Westeuropa vertrieb, nahm der polnische König sie auf und sicherte ihre soziale Stellung mit weitgehenden Privilegien. Der Jerusalemer Historiker Jakub Goldberg schildert in seinem Buch Jewish Privileges in the Polish Commonwealth“ (Jerusalem 1985) die jüdische Autonomie, die von der Gemeindeselbstverwaltung bis zum eigenen Sejm (Waad Arba Arcot) reichte. Die Juden waren ein eigener Stand und konnten in Konfliktfällen den König direkt anrufen. Die jüdischen Gemeinden stellten auch ihre eigene Infanterie und Reiterei auf, die an der polnischen Seite kämpften. Die Kriege mit den Kosaken, Russen, Schweden und Türken, die zwischen 1648 und 1717 ins Land einfielen, führten zur Zerstörung der jüdischen Gemeinden in den östlichen Regionen und zur ersten großen Auswanderungswelle und Verarmung der polnischen Juden. Die Kosaken-Pogrome waren der Auftakt einer unheilvollen Entwicklung. Ein Rabbiner, der nach Metz ging, schrieb damals: „Polen, Du großes Land, Du warst das Paradies / Der beste Hort für Wissen und Gelehrsamkeit / ... Nun bist Du eine Witwe, einsam und verjagt / Jämmerlich verlassen von Deinen eigenen Söhnen“.

Komplizierter wurden die polnisch-jüdischen Beziehungen im 18. Jahrhundert, als die Adelsrepublik zum Anachronismus geworden war und schließlich ihren Nachbarn zur Beute fiel. Gleichzeitig brachen aufgrund einer stärker werdenden wirtschaftlichen Konkurrenz in mehreren Städten Konflikte zwischen Christen und Juden aus. Durch die aufklärerischen Reformen und den – verspäteten – Versuch, die zentrale Staatsgewalt zu stärken, ergab sich die Notwendigkeit, auch die Stellung der Juden im polnischen Staat neu zu regeln. Das alte Privileg, nach dem die Juden jahrhundertelang in ihren Gemeinden selbständig die Steuern einzogen und an den Staat eine Pauschalabgabe leisteten, wurde 1764 aufgehoben, doch zur Verabschiedung des neuen Gesetzes kam es wegen der russischen Intervention nicht mehr.

Trotz aller Toleranz gab es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts kaum Brücken zwischen den weit in den Osten hineinreichenden jüdischen Inseln und ihrer christlichen Umgebung; die res publica war eben eine lose Konföderation, in der Katholiken, Orthodoxe, Juden, Protestanten und Moslems nebeneinander lebten. Im Zuge der Gegenreformation versuchte die Katholische Kirche zwar, auch die Juden zu missionieren, aber – abgesehen von der kleinen Sekte der Frankisten – ohne Erfolg; daß es dabei zu erschütternden Gewaltakten kam, verschweigen auch katholische Historiker nicht. Laut Goldberg hatten die deutschen Lutheraner bessere Chancen, sich mit den Juden zu verständigen, sprachlich und theologisch. Die barocke Sprache der polnischen Katholiken dagegen war für einen Dialog mit den Talmudisten ungeeignet. Der Weg eines gebildeten Juden aus Polen wie der Salomon Maimons nach Berlin in den Umkreis von Moses Mendelssohn war also verständlich. Daraus aber auf die vielgerühmte preußische Toleranz gegenüber den Juden zu schließen, wäre verfrüht. Friedrich II. ließ Tausende von „Betteljuden“ aus den einverleibten polnischen Gebieten rücksichtslos ausweisen, und die jüdische Selbstverwaltung beschränkte sich auf rein religiöse Belange.

Kulturelle Wechselbeziehungen zwischen Polen und Juden beginnen eigentlich erst im 19. Jahrhundert, also schon nach dem Untergang des selbständigen polnischen Staates. Es ist aufschlußreich, einmal auch das Bild des Juden in der polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts näher zu betrachten. In unserem Nationalepos „Pan Tadeusz“, in dem Adam Mickiewicz das alte Polen Wiederaufleben läßt und den Befreiungskampf heraufbeschwört, spielt der jüdische Schankwirt Jankiel eine bezeichnende Rolle: Bei ihm versammeln sich die patriotischen Landadeligen, die von den polnischen Legionen unter Napoleon schwärmen; Jankiel übermittelt ihnen die neuesten Nachrichten und bespricht sie mit einem Priester, der die Befreiung vom Zaren vorbereitete. Und Jankiel ist es, der vor den Versammelten die polnische Hymne anstimmt. Das ist kein Zufall – Mickiewicz nannte die Juden mehrmals „unsere älteren Brüder“. Ein ähnliches Bild findet man auch bei Stanislaw Wyspianski, dem Dichter der Jahrhundertwende. In seinem Drama „Die Hochzeit“ (1901) gibt eine Jüdin, Rahela, den Anstoß dazu, daß sich das Hochzeitsgelage zur nationalen Messe und schließlich zum somnambulen Befreiungsversuch steigert.