Der Verlust der eigenen Staatlichkeit infolge der Teilungen und die immer wieder mißlingenden Aufstände brachten nicht nur die romantische Verklärung des Leidens mit sich („Polen – der Christus unter den Völkern“), sondern auch einen ratlosen Nationalismus als Reaktion auf die erdrückende Einkreisung durch die Teilungsmächte. Der Rückgriff auf nationale Werte führte zu einer immer aggressiveren Abgrenzung von den anderen Völkern, mit denen die Polen seit langem zusammengelebt hatten. Insofern sind die wachsenden antisemitischen Tendenzen im Polen des ausgehenden 19. Jahrhunderts auch eine Folge der Teilungen, der Demoralisierung durch die Unterdrückung. Und dennoch war vielen Polen der in den achtziger Jahren in Preußen und Rußland von oben geschürte Antisemitismus noch fremd. Als 1881 die zaristischen Behörden wie in vielen russischen Städten auch in Warschau mit Hilfe der Kosaken ein Pogrom anzettelten, protestierten der polnische Klerus und Delegationen polnischer Bürger beim Generalgouverneur dagegen, der es jedoch ablehnte, für Ruhe in der Stadt zu sorgen. Das war nicht das letzte Mal, daß die zaristische Macht durch organisierte Pogrome von den inneren Konflikten abzulenken suchte: Judenhaß als Leim für das zerbröckelnde Imperium. Ähnliches wiederholte sich 1905, aber da waren die Zeiten schon andere. Während polnische, jüdische und russische Sozialisten gemeinsam auf eine Revolution hinarbeiteten, hofften die polnischen Nationaldemokraten auf eine Autonomie innerhalb des Zarenreiches und verbreiteten in ihren Schriften antisemitische Parolen.

Die 1918 wiedergewonnene Unabhängigkeit bedeutete für die Polen zwar die Erfüllung ihres langgehegten Traums, bescherte ihnen aber zugleich alle Konflikte eines Vielvölkerstaates in der Epoche des Nationalismus. Gleich 1918 kam es zu antijüdischen Ausschreitungen in Lemberg. Die noch ungefestigte Staatsmacht stellte sich dem entgegen, hatte aber im Chaos der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht das notwendige Durchsetzungsvermögen; so fiel 1922 der neugewählte Präsident Gabriel Narutovicz, für dessen Wahl die Stimmen der Minderheiten ausschlaggebend gewesen waren, dem Attentat eines nationalistischen Fanatikers zum Opfer. Der Antisemitismus der Nationaldemokraten, schrieb der Historiker Jerzy Tomaszewski 1985, „ersetzte – nicht zum letzten Mal – ein effektives politisches und ökonomisches Programm. Der forcierte Kampf gegen die jüdischen Reichen und Ausbeuter wurde zu einem eigentümlichen Ersatz für den von der Arbeiterbewegung propagierten Kampf gegen das kapitalistische System. Das war ein echter Sozialismus der Holzköpfe. Zugleich war es ein Programm, das die sozialen Randgruppen anzog.“

Das Vorkriegspolen bot mit seinen ungelösten Konflikten zwischen den diversen Minderheiten zweifellos den Antisemiten genügend Anlässe für ihre Kampagnen. Eine Fernsehserie der englischen BBC („Eine Welt für sich“), die hier in den 3. Programmen gezeigt wurde, hat diese Konflikte dokumentiert. Man konnte dort seltene Aufnahmen aus den jüdischen Stetl sehen, einer Welt, die es nach dem großen Völkermord nicht mehr gibt; man hörte auch von den nationalistischen Umtrieben. Was ich in diesem Film allerdings ein wenig vermißte, waren Beispiele für die polnisch-jüdische Symbiose, besonders in der Kultur. Ich denke hier nicht nur an Julian Tuwim, Boleslaw Lesmian, Marceli Handelsman, Bruno Schulz, Janusz Korczak, Artur Rubinstein und viele andere, sondern beispielsweise auch daran, daß man bei vielen Zionisten aus Polen – wie Aleksander Hertz feststellte – die Ideenwelt der polnischen Romantik wiederfinden kann. Und als Ende der dreißiger Jahre die korporierten nationalistischen Studenten an den Universitäten für den Numerus clausus eintraten, fanden sich nicht wenige Polen, die sich mit ihren jüdischen Kommilitonen solidarisierten. Ich bin daher dankbar, daß Iza Erlich in der Fernsehserie in diesem Zusammenhang auch ihrer polnischen Freundin Wanda gedachte, die sich gemeinsam mit den schikanierten Juden verprügeln ließ, ein Vorfall, der mir aus den Erzählungen meiner Mutter bekannt war. Die mehr als drei Millionen Juden lebten eben nicht nur „in einer Welt für sich“.

Die Verurteilung der antijüdischen Exzesse durch den Premierminister 1936 fiel allerdings recht zweideutig aus: „Meine Regierung ist der Ansicht, daß in Polen niemand benachteiligt werden darf – genauso wie ein redlicher Hausherr es nicht zuläßt, daß in seinem Haus jemandem ein Leid zugefügt wird. Wirtschaftskampf – ja, aber keinerlei Benachteiligung.“ Auch die Katholische Kirche in Polen verdammte antijüdische Exzesse als unchristlich, obwohl es gleichzeitig in der katholischen Presse Stimmen für eine Separierung von Juden und Christen gab und der polnische Diplomat Stanislaw Janikowski sogar so weit ging, 1*36 in einer Note an den Vatikan vom „zoologischen Antisemitismus polnischer Geistlicher“ zu sprechen, eine Behauptung, die sich nach dem Krieg, in dem auch viele Klöster Juden Zuflucht boten, sicherlich nicht mehr aufstellen ließe.

Im Verlauf der seit 1984 in Polen geführten großen Antisemitismusdebatten schrieb der Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, Jerzy Turowicz: „Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem polnischen Antisemitismus und der Vernichtung der Juden. (...) Aber das alles bedeutet nicht, daß es zwischen dem polnischen Antisemitismus und der Vernichtung der Juden keinen indirekten Zusammenhang gab. Der teuflische Plan der Nazis, das gesamte jüdische Volk physisch auszurotten, war der Kulminationspunkt, die Krönung, das letzte Aufblühen jenes Antisemitismus, der in Europa (und nicht nur in Europa) jahrhundertelang wirksam war. Jenes Antisemitismus, an dessen Verbreitung – das muß hier mit Trauer gesagt werden – das Christentum, und damit auch die Katholische Kirche, wesentlich beteiligt war. (...) Diejenigen unter uns, die weder Antisemiten waren, noch sind, die den Antisemitismus sogar bekämpft haben, müssen eine kollektive moralische Mitverantwortung auch für den in unserem Lande verbreiteten Antisemitismus spüren. Auch wenn es vor dem Krieg keinen Antisemitismus gegeben hätte, hätten wir vielleicht nicht viel mehr Juden retten können, aber die Einstellung zu ihrer – vor unseren Augen vollzogenen – Vernichtung wäre eine andere gewesen.“

Dieses wahrlich Jasperssche Schuldbekenntnis darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß man mancherorts allzu leicht mit dem bequemen Klischee des polnischen Antisemitismus umgeht. Der Historiker Stanislaw Salmonowicz, Autor einer vorzüglichen Biographie Friedrichs II., meinte hierzu: „... so wie es ein Stereotyp des Juden bei den Antisemiten gibt, und dieses Stereotyp sich sogar nach dem Zweiten Weltkrieg noch als lebendig erweist, so gibt es – vor allem in der angelsächsischen Welt verbreitete – antipolnische Stereotypen, die ihren Ursprung noch in der preußisch-russischen, die Teilungen Polens rechtfertigenden Propaganda des 18. Jahrhunderts hatten.“ Als dauerhaft stellten sich diese Stereotypen aber auch in Frankreich und der Bundesrepublik heraus, wie die Debatte um „Shoah“ und der „Historikerstreit“ gezeigt haben. Der „viralente Antisemitismus“ der Polen soll da manch einem – wie man es bei Nolte gesehen hat – als Entlastung dienen.

Es verwundert, wie einseitig und unsensibel in der Bundesrepublik zuweilen das Verhältnis von Polen und Juden während der deutschen Besatzung und danach behandelt wird. So äußerte sich etwa Julius H. Schoeps 1987 „irritiert“ über Wladyslaw Bartoszewskis Darstellung der polnischen Hilfsaktionen für Juden während des Holocaust, wobei er weniger den Helfern als den – zwangsliufigerweise ungenauen – Zahlen Aufmerksamkeit schenkte. Er verzerrte auch das Bild der polnischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. So erwähnte er zwar beiläufig den Streit im katholischen Tygodnik Powszechny, den unser „Literaturpapst“ Jan Bloński in Gang gesetzt hatte, pickte sich hier jedoch wiederum nur die Zahlen heraus und bagatellisierte damit das Ausmaß der geleisteten Hilfe und die Schicksale der polnischen Helfer. Denn nur im Osten wurde jede Hilfe für Juden mit dem Tode bestraft. Nicht nur die direkt Beteiligten, sondern ihre ganzen Familien wurden auf der Stelle erschossen oder ins KZ eingeliefert.