Neue Wüsten bilden sich von Mexiko bis nach Rajhastan, von Mauretanien bis Botswana. Die "Desertification", so der wissenschaftliche Fachausdruck, bedeutet "zur Wüste werden", "Verdürrung". Hiermit verbindet die Welt Elend und Hunger, abgezehrte Menschen in ihren vom Sand bedrohten Hütten. Es ist die gedankliche Verbindung von Wort und Bild, die seit zehn Jahren den Kampf des UN Umweltprogramms UNEP (United Nations Environment Programme) gegen die Ausbreitung der Wüsten bestimmt. Und jetzt behaupten immer mehr Wissenschaftler, daß alles ein Trugbild sei und die Bemühungen der UNO dadurch in die falsche Richtung gelenkt worden seien. Länder am südlichen Rand der Sahara wie beispielsweise Mali haben mit internationaler Unterstützung Millionen Bäume als Schutzwall gegen die vorrückenden Sandmassen gepflanzt. Aber wandert die Wüste wirklich?

Nach Angaben der UNEP hat die Verdürrung schon 26 Milliarden Dollar gekostet. Mit nur 4 5 Milliarden Dollar hätte der Schaden verhindert werden können. Der Ruf des UNEP nach finanzieller Unterstützung ist bis heute auf taube Ohren gestoßen. Nur zehn Prozent der geforderten Summe ist bisher bereitgestellt worden, klagt die Descon, eine UN Körperschaft, die für die Bekämpfung der Verdürrung verantwortlich ist. Die eigentliche Auseinandersetzung geht darum, ob denn die ausgegebenen Gelder auch sinnvoll eingesetzt wurden. Ridley Nelson von der Umwelt Abteilung der Weltbank mäkelt über die zu vielen unbegründeten Behauptungen und Übertreibungen. Das Institute of Development Studies glaubt sogar, daß es die bestehenden Definitionen des Verdürrungsproblemes seien, die zu "großen öffentlichen Vorhaben" geführt haben, "die aber nur durch eine sehr schmale wissenschaftliche Basis begründet sind".

Die Vorstellung von den vorrückenden Wüsten ist alt. Im Laufe der Weltgeschichte haben wandernde Sanddünen immer wieder Wüstensiedlungen verschlungen. Auch heute noch. Aber breitet sich die Wüste weiter aus? Die neuen Kritiker der UNEP bestreiten das.

Den ersten Schritt zur Bekämpfung der Verödung machte die UNO 1977 auf der Conference on Desertification (UNCOD) in Nairobi. Eine Weltkarte der Verdürrung wurde vorgestellt. Danach soll sich die nordafrikanische Sahara zwischen 1958 und 1975 um etwa 100 Kilometer nach Süden verschoben haben. Im Jahr durchschnittlich um sechs Kilometer.

Mostafa Tolba, der Direktor von UNEP, hat seine Kollegen auf einer UNO Konferenz im Jahre 1984 mit der Feststellung schockiert, daß "gegenwärtig 35 Prozent der Landfläche der ganzen Welt in Gefahr sind jedes Jahr werden 21 Millionen Hektar vollkommen unbrauchbar". Diese Zahlen sind zum festen Bestandteil der Desertifications Ideologie geworden, "zu sicher aufbewahrten Institutions Fakten", wie Nelson es ausdrückt. Diese Zahlen begleiten die ergreifenden Bilder von hilflosen Kindern, die auf ihren zugeschütteten Hütten stehen. In Buchtiteln kehren sie wieder: "Zurückdrängung der Wüste" oder "Die Wüste auf dem Vormarsch". Die Aufmerksamkeit ist dadurch nur auf die Randgebiete der bestehenden Wüsten gelenkt worden. Das sei ein grundlegender Fehler, sagen die Kritiker.

"Es gibt extrem wenige wissenschaftliche Anhaltspunkte zum Ausmaß der Verdürrung. Sie beruhen auf Feldforschungen oder auf Satellitenbeobachtung", sagt Nelson. Nicht wenige Informationen sind auch auf Antworten zurückzuführen, die bei einer Fragebogenaktion der UNEP 1982 ermittelt wurden "Sie haben wenig Bedeutung", bemerkt Swift "In Afrika füllten ihn Regierungsstellen aus, als die Dürreperiode gerade ihren Höhepunkt erreichte", erklärt Nelson. Die Auswertung von Fragebögen wird unsicher, wenn geeignete Richtlinien fehlen.

Die UN Statistik über die Ausbreitung der Sahara nach Süden ist mehr als 14 Jahre alt. Sie stammt von Hugh Lamprey, dem Direktor des schen 1958 und 1975 soll sich der Wüstenrand bis zu 100 Kilometer nach Süden verschoben haben. Dieses Ergebnis stellen die Geographen Warren und Agnew vom Londoner University College in Frage. Sie bezweifeln Tolbas Behauptung, daß 35 Prozent der Landfläche auf der Welt "in Gefahr" sei. Mindestens die Hälfte dieses Gebietes sei zu trocken für jede Form von Agrarwirtschaft. Der Terminus "Verdürrung" oder "Desertification" ist mit vielen Mängeln behaftet, eine allgemeingültige Definition dieses Begriffes gibt es nicht. Einige Wissenschaftler verstehen darunter eine unwiderrufliche Veränderung. Andere begreifen "Verdürrung" auch als fehlenden Niederschlag.