Nur die wichtigsten Bausteine zum Labyrinth zu nennen, stellt schon hohe Ansprüche an das Auffassungsvermögen. Da gibt es die HIG Handels Investitions GmbH in Hamburg, die Garvey Holding in der Schweiz, die ihrerseits einer Burlington Limited auf den Cayman Inseln gehört. Ferner gibt es die VSV Verwaltungsgesellschaft für Stiftungsvermögen mbH in Berlin, die wiederum der Condi Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft in Hamburg gehört. Und schließlich gibt es noch eine co op Bank eG, eine Aresco S A in Luxemburg und deren Frankfurter Tochtergesellschaft für Handelsbeteiligungen, die BdK Beteiligungs VerwaltungsGesellschaft in Stuttgart.

Wenn nun alle diese Firmen ihre Optionen und notariellen Angebote für wechselseitige Beteiligungen — wie geplant — realisiert hätten, dann hätte sich auch für naive Betrachter ein klares Bild ergeben können. Dann nämlich hätte Deutschlands viertgrößtes Handelsunternehmen, die Frankfurter co op AG, ganz einfach sich selbst gehört und sich selbst kontrolliert.

Doch inzwischen ist leider alles anders gekommen: Die drei Vorstandsmitglieder Bernd Otto, Dieter Hoffmann und Werner Casper, die Architekten des Labyrinths, wurden im Dezember vergangenen Jahres vor die Tür gesetzt. Ihr hochintelligenter Steuer- und Bilanzspezialist Klaus Peter Schröder Renke blieb in der vergangenen Woche auf der Strecke. Und ihr Werk blieb unvollendet, inzwischen fahnden Staatsanwaltschaft und Steuerbeamte nach Belegen, mit denen sie die ehemaligen Verantwortlichen so schnöder Delikte wie Bianzfälschung, Steuerhinterziehung und Prospektsetrug überführen können.

Um die Zukunft der drei ehemaligen Vorstände — ein vierter, der im Mai vergangenen Jahres aus dem Unternehmen ausgeschieden war, muß sich auch noch verantworten — wird man sich nicht sorgen müssen. Das hatten sie selbst schon ausreichend getan und sich über fürstliche Vorstandsgehälter und üppige Tantiemen standesgemäße Immobilien im Ausland zugelegt. Bernd Otto etwa meldet sich gelegentlich aus seinem Reihenhausteil mit Meeresblick aus dem südafrikanischen Kapstadt. Seine Sorge gilt vor allem dem Fortbestand des Unternehmens. Und sein Frankfurter Anwalt Rainer Hamm läßt wissen, daß Otto auch der Staatsanwaltschaft behilflich sein wolle.

Das Sagen bei co op haben nun längst andere: Die vier Banken, Schweizerischer Bankverein, Amro Handelsbank, Security Pacific National Bank und Svenska Handelsbanken, die — wie mehr als hundert andere Kreditinstitute auch — allzu lange bereit waren, das riskante Spiel bei der co op mitzufinanzieren, haben siebzig Prozent des Kapitals übernommen. Sie holten die Prüfungsgesellschaft Treuverkehr ins Haus, um Licht ins Dunkel des verschachtelten Konzerns zu bringen. Und sie machten den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister und Bankier Hans Friderichs, einen erfahrenen Sanierer, zum Chef des Aufsichtsrats, der bis dato von seiner Pflicht der Aufsicht über den phantasiereichen und umtriebigen Vorstand nicht recht Gebrauch gemacht hatte. Doch ans Sanieren war so schnell nicht zu denken. Denn was die Treuverkehr und die von Friderichs als Berater geholten zwei ehemaligen Manager Wolfgang Bernhardt und Hans Schaefer ans Licht zerrten, das war "viel schlimmer als befürchtet", wie Hans Friderichs erkennen mußte. Nicht nur, daß der Konzern mit mehr als fünf Milliarden Mark — bei einem Jahresumsatz von 12 5 Milliarden Mark — in der Kreide steht. Allein 4 3 Milliarden davon sind Bankschulden. Um fast zwei Milliarden Mark war zudem die Bilanz geschönt worden — durch zu hoch bewertete Warenbestände, Grundstücke und Gebäude. Voller Stolz hatte Vorstandschef Bernd Otto noch im vergangenen Sommer auf die "stark verbesserte Ertragslage" hingewiesen. Anscheinend ein gelungenes Stück Bilanzgestaltung.

Die undurchschaubare Verschachtelung des Konzerns spielte dabei die entscheidende Rolle. So war vor allem die Hamburger HIG Handels Investitions GmbH eine wichtige Drehscheibe. Sie war für die Immobilien des Handelsriesens zuständig. An sie wurden überhöhte Mieten und Pachten überwiesen, sie nahm den co op Läden Auf- und Umbaukosten ab, sie trug die Anfangslasten von neueröffneten Geschäften. Und da die co op selbst nur zu knapp zwanzig Prozent an der HIG beteiligt war, erschienen deren Ergebnisse auch nie in der Konzernbilanz.

Ganz und gar nichts aber hatte die co op mit der Schweizer Holding Gesellschaft Garvey zu tun. Sie war die Zentrale für einen Auslandskonzern, der nicht nur eine Lebensmittelkette in Holland, Feinkostläden und einen Sherry Hersteller in Spanien umfaßte, sondern auch so exotische Unternehmungen wie einen Country Club in Kanada und eine Transportfirma in Brasilien. Die personellen Verflechtungen zwischen der co op und Garvey waren hingegen ganz offenkundig. Denn in der schönen Schweiz ging das Frankfurter Vorstandstrio seinen Aufgaben in der Firmenspitze bei Garvey nach — ein "Gleichordnungskonzern", wie Bernd Otto zu erläutern wußte. Erst zu Beginn dieses Jahres hatte sich der FriderichsBerater und Jurist Wolfgang Bernhardt Zugriff auf die Garvey verschafft und damit auch die HIG in die Hand bekommen. Denn die Schweizer Holding ist bei der HIG Mehrheitsgesellschafterin. Was die Treuverkehr, die seit dem 6. Februar nun auch die Garvey Bücher prüft, dort entdeckt, vermag noch niemand auszudenken.