Irgendwann einmal hat es in Preußen eine Verordnung gegeben, nach der alle Disteln auszurotten seien. Disteln, das war Unkraut, sie waren stachelig, widerborstig. Doch die Distel war stärker als Papier, sie hat der Vernichtung, der Ausrottung widerstanden und mit ihr auch der Distelfink, dessen Lieblingspflanze sie ist.

„Unter den kleinen Vögeln unseres Vaterlandes ist dies einer der schönsten und angenehmsten an Gestalt und Farbe, wie im Betragen.“ So der Ornithologe Naumann vor 150 Jahren – und es ist noch immer wahr, auch wenn das Vaterland von damals darüber verlorenging.

Der Stieglitz, auch Distelfink genannt, kleiner als der Sperling, ist so bunt und vergnügt wie eh und je. Sein Gefieder ist eine Komposition fast aller Farben, die wir kennen; schwarz, weiß und karminrot der Kopf, gelbbraun der Nacken, in helles Grau übergehend. Der Bauch ist weiß. Die Flügel sind im Ansatz schwarz, in der Mitte hellgelb, an den Spitzen schwarzweiß gefleckt. .In einer Ecke meines Gartens breitet sich seit Jahren ein kleines Brennesselfeld aus, an dessen Rand eine Distel wächst. Jedes Jahr treibt sie mehr Triebe, und fast alle werden mannshoch, geschmückt mit einer großen Zahl lichtblauer Blüten. An den Distelstöcken klettern im Herbst die Distelfinken herum, wiegen sich im Wind. Meist sind es kleine Völkchen, etwa fünf bis neun Vögel. Sie sind wenig scheu, schwätzen unablässig miteinander, und ihnen zuzusehen stimmt heiter.

Der Stieglitz ist ein Jahresvogel; seine Heimat ist ganz Europa bis hinauf nach Skandinavien, auch in großen Teilen Asiens und in Nordafrika ist er heimisch. Im Gebirge, in Höhen über tausend Meter, sieht man ihn nicht. Auswanderer haben ihn nach Nordamerika mitgenommen, und auch dort gehört er seit mehr als hundert Jahren zu den Brutvögeln.

In einem „Exkursionsbuch zum Studium der Vogelstimmen“, erschienen um die Jahrhundertwende, heißt es: „Wer Stieglitze im Freien beobachten will, darf sie nicht im Walde suchen oder doch nur an Waldrändern, wo es Ulmen und Zitterpappeln gibt, deren Blütenstände ihnen im Vorfrühling reichlich Nahrung bieten. Später bevorzugen sie die blühenden Obstgärten. Erst im Mai lösen sich die Gesellschaften auf und begeben sich zu den Brutorten... Stieglitze sind beinahe ebenso geschwätzig wie Zeisige und singen bis zur Mauserzeit.“ Und dann setzt der Autor das „Ditlit-Didlit“ in Noten. Doch könnte man auch noch so sicher vom Blatt singen, den rechten Ton, fürchte ich, träfe man nicht. Es ist kein zarter Gesang, sondern eher ein inniges, vergnügliches Schwätzen.

Früher nistete der Stieglitz vor allem in den Obstgärten, doch gestutzte Spaliere sind seine Sache nicht, es müssen hohe, alte Bäume sein, denn stets baut er sein Nest in den Kronen der Bäume, in alten Kastanienbäumen auch, zehn bis 15 Meter über dem Erdboden, selten einmal niedriger als fünf Meter. In Astgabeln wird das Nest aus Halmen, Fasern und Flechten kunstvoll verflochten, innen mit Haaren gepolstert und natürlich auch mit der Wolle der Distelblüten. In der Regel haben Stieglitze wohl nur eine Brut im Jahr; ausgebrütet werden vier bis sechs gefleckte, dunkelfarbige Eier. Während der Brutzeit und der Aufzucht der Jungen sind Insekten, Fliegen, Blattläuse und anderes Kleingetier, das sie in den Blüten der Obstbäume finden, die Nahrung.

Zur Zeit unserer Großväter war der Stieglitz ein beliebter Stubenvogel, der sich auch mit Kanarienvögeln paarte. Ob die Bastarde so sangesfreudig waren wie die trillernden Kanarienhähne, weiß ich nicht. Ich habe als Junge am Teltowkanal, dem Stück zwischen Havel und Griebnitzsee, noch Vogelmiere gesucht für Stieglitze und Zeisige, die eine ältere Dame in großen Käfigen hielt. Noch einmal Naumann: „Als Stubenvögel sind sie mancherlei Krankheiten unterworfen, sie bekommen die fallende Sucht, Schwindel, geschwollene Füße und im Alter oft böse Augen ...“ Wen wundert das? Ein Vogel, der in den Kronen der Bäume zu Hause ist, der gesellig unter seinesgleichen lebt, der im Winter, wenn die blasse Sonne über der verschneiten Landschaft steht, in kleinen Trupps über die Felder streift, daß es scheint, als seien fliegende Sterntaler unterwegs –, im Käfig muß ein solcher Vogel sterben.