Doch mit Demokratie hat der Wirtschaftsreformer Deng nie etwas im Sinn gehabt. Der "Pekinger Frühling" fand ein ebenso rasches Ende wie acht Jahre später der Protest der Studenten, die auf den Straßen von Schanghai und Peking nach Freiheit und Demokratie riefen. Dennoch melden sich heute einige unerschrockene Intellektuelle wieder zu Wort. Von der Polizei argwöhnisch beobachtet, treffen sich die Mitglieder einer neuen Menschenrechtsgruppe "Amnestie 89" in Pekinger Buchläden und in der Bar "JJ’s" des Regimekritikers Chen Jun und seiner englischen Frau.

Chinas Dissidenten blicken hoffnungsvoll auf Michail Gorbatschow, der Andrej Sacharow aus der Verbannung nach Moskau zurückholte. Während die Sowjetunion von Chinas Wirtschaftsreform lernen könne, sagen sie, seien die sowjetischen Kommunisten den chinesischen Genossen politisch inzwischen weit voraus. "Glasnost gibt es in China nicht", schrieb der Journalist Liu Binyan, der gemeinsam mit Fang Lizhi 1987 aus der KP ausgeschlossen wurde.

Die Menschenrechte dürften bei dem Gipfeltreffen zwischen Gorbatschow und Deng im Mai indes genauso wenig auf der Tagesordnung stehen wie bei George Bushs Kurzbesuch. Der US-Präsident pries im chinesischen Fernsehen zwar die "weltweite Bewegung zu größerer Freiheit", doch im Gespräch mit seinen Gastgebern rührte er das sensible Thema nicht an.

Immerhin: Mit der Einladung an Fang Lizhi hat Amerika zum ersten Mal offen Solidarität mit Chinas Dissidenten bekundet. So oft Washington in der Vergangenheit die Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion angeprangert hatte, so geflissentlich schwieg es bisher zum Schicksal der "Konterrevolutionäre" in den chinesischen Arbeitslagern und Gefängnissen.

Mehr denn je aber brauchen Chinas kritische Intellektuelle internationale Unterstützung, denn lange werden die Pekinger Behörden den Aktivitäten von "Amnestie 89" nicht untätig zuschauen. Schon hat das Justizministerium den inzwischen rund hundert Unterzeichnern der Amnestie-Petition "Aufhetzung der öffentlichen Meinung" vorgeworfen. Vor den Wohnungen führender Dissidenten haben Polizisten in Zivil Posten bezogen. Fang Lizhi aber will sich in seinem Kampf für Demokratie und Menschenrechte dennoch nicht beirren lassen. Eine "Flutwelle" sei in Bewegung gekommen, so glaubt er, die sich nicht mehr stoppen lasse.