Die Chronik des Verbrechens, Abteilung Sexualmord, wurde im vergangenen Jahr um ein weiteres Blatt bereichert. Das Landgericht Nürnberg verurteilte den Bauschlosser Roland Steigerwald zu lebenslanger Freiheitsstrafe. In den Jahren 1971, 1982 und 1986 massakrierte Steigerwald drei junge Männer. Er schnitt ihnen den Penis ab. Die Leiche seines letzten Opfers zerteilte er in Kopf, Beine und restlichen Körper. Steigerwalds Morde Nr. 2 und 3 geschahen nach Entlassung aus neunjähriger Haft. Der doppelte Rückfall wäre bei besserer Kenntnis des Straftäters und wirkungsvoller Behandlung seiner psychischen Störungen vermeidbar gewesen. Wie es der Teufel will, spielen Ermittlungsbehörden, Gerichte, Strafvollzug und — wie Patricia Highsmith uns lehrt — auch der Mörder einander so zu, daß das Verhängnis unausweichlich wird. So präpariert denn auch Gerichtsreporter Gerhard Mauz im Spiegel die Mordfolge aus einem Geflecht von verhängnisvollen Kunstfehlern, zu dem die kriminelle Lust des Täters paßt wie der Haken zur Öse. Verbrechen und Versagen finden mit einiger Wahrscheinlichkeit zusammen.

Roland Steigerwalds kriminelle Karriere ist Programm. Er ist ein Dutzendfall. Denn wie bei vielen anderen Straftätern sind seine Rückfälle zu einem bedeutsamen Anteil Ergebnis einer verbreiteten Tatenlosigkeit in unseren Haftanstalten. Nicht, daß dort nichts geschähe. Die wegen Diebstahl, Betrug, Raub verurteilten Insassen gehen ihrer täglichen Beschäftigung nach, meist handwerklichen Tätigkeiten oder Anlernarbeiten. Das Personal sichert die Anstalt vor Fluchtversuchen, achtet auf Disziplin, regelt Versorgung und tägliche Abläufe. Doch die schlimmen Taten ihrer Insassen sind überraschend uninteressant.

Über unser Beispiel schreibt Gerhard Mauz: "Für die Auseinandersetzung mit der Tat findet Roland Steigerwald (während seiner ersten langjährigen Strafe) auf dem Dienstweg keine Hilfe " Der Gefängnisgeistliche vermittelt ihm schließlich "einmal wöchentlich ein Gespräch mit einem Diplompsychologen", eine Gesprächstherapie, die der Gefangene selbst bezahlen muß.

Man liest durchaus richtig: Die Situation ähnelt der in einem Krankenhaus, in dem ein Patient nur aufgrund zufälliger Einkünfte (Steigerwald verdient ein Zugeid mit gebastelten Oldtimer Modellen) und einer besonderen Beziehung zu einem Pfarrer eine Behandlung erfährt. Nur, ein Krankenhaus, das ausschließlich Liegekuren anwendet und eine passende Therapie von derartigen Imponderabilien abhängig macht, gibt es glücklicherweise nicht. Unsere Vollzugsanstalten verordnen aber für den Großteil ihrer Insassen wenig mehr als langjährige "Sitzkuren". Die Umgangssprache hat durchaus recht, wenn sie davon spricht, daß jemand "sitzt". Viel mehr geschieht im Regelfall auch nicht.

Woran das liegt? Ursache ist nicht eine unglaubliche Häufung von Kunstfehlern, dazu ist die Angelegenheit zu allgemein. Die Tatenlosigkeit ist Institution, sie ist geltendes Recht. So findet sich in den 201 Paragraphen des Strafvollzugsgesetzes kein einziger, der Mittel und Zeit für etwa notwendige Psycho- oder Gruppentherapien vorsieht. Das Gesetz regelt jedoch andere Dinge — wie beispielsweise die Arbeitszuweisung an Gefangene — sehr eingehend. Auch für Unterricht und Berufsausbildung gibt es, wenn auch nur für verhältnismäßig wenige Personen, Regelungen, die das unerläßliche Drum und Dran gewährleisten, nämlich Freistellung von der Arbeit und einen Ausgleich für entgangenen Verdienst.

Nichts im Gefängnis bleibt so sehr der Gunst der Umstände übrlassen als gerade die Beeinflussung der maßgeblichen individuellen Ursachen zu kriminellem Verhalten: Für die Behandlung gibt es keine gesetzlich gesicherte Freistellung während der Arbeit, keinen Ausgleich für den entgangenen Lohn, beispielsweise des Oldtimer Bastlers. Eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Justizvollzug soll wie eine Freizeitbeschäftigung funktionieren, abhängig von spontaner Aktivität des Anstaltspersonals, vom Feierabendfleiß der Bediensteten und nicht zuletzt vom unbeirrbaren Selbstheilungswillen, der Moral der inhaftierten Diebe, Betrüger, Räuber und Totschläger. So gesehen war Roland Steigerwald ein Musterknabe. Sein Verhalten wahrend der Haft entsprach nämlich ganz diesen gesetzlichen Voraussetzungen. Der Stafvollzug kann so allerdings kaum Behandlungserfahrungen sammeln. Behandlungsmethoden können nur schwer entwickelt und noch schwerer verbessert werden. Eine solche Gesetzgebung fördert therapeutischen Dilettantismus. Roland Steigerwaids Delinquenz ist selten. Deshalb kann es nur wenige Therapeuten geben, die aus der Kenntnis vergleichbarer Fälle Fachkunde entwickeln. Unter den geschilderten Umständen aber konnte sich nur Schlimmes ereignen.

Die von Steigerwald endlich erreichte Therapie beschränkte sich, laut Gerhard Mauz, darauf, den Gefängnisalltag zu bewältigen. Kindheitserlebnisse seien diagnostisch nicht verwertet worden. Nun schließt Dilettantismus gute Ergebnisse nicht prinzipiell aus.