Einst war der Major ein Held, jetzt ist er nur noch Pantoffelheld. Um seinen täglichen Demütigungen zu entrinnen, verrennt er sich auf immer neue Irrwege: ins wilde, tobsüchtige Schwadronieren; in die wahrhaft närrische Liebe zu seiner Tochter; in Tagträume von einem schöneren Leben als Bauer und Gärtner. Der Mann ist nur noch ein Witz. Doch manchmal, zum Beispiel des Nachts, erwacht in ihm das wütende, stürmische Individuum. Dann wird er den Menschen wieder zum Schrecken. Die Majorin: "Neulich hatt’ er wieder einmal den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten in der Nacht aus dem Bett’ aufgesprungen und hat sich auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen und geschluchst und geheult, daß mir zu grauen anfieng."

"Der Hofmeister" von Jakob Michael Reinhold Lenz ist ein Drama mit zwei Köpfen und Gesichtern. Schüsse fallen, Damen sinken in Ohnmacht. Männer verlieren den Verstand, Mädchen die Unschuld. Das geschändete Weib geht ins Wasser, der unzüchtige Held entmannt sich selber.

Mit den Katastrophen, die im "Hofmeister" passieren, ließen sich mehrere Schauerdramen bestreiten. Und mit den glücklichen Zufällen mehrere Märchen: Das unselige Kind wird aus dem Wasser gerettet, der Verstand des Vaters renkt sich wieder ein, sogar der entmannte Verführer findet zuletzt ein braves Weib. Und alles, aber auch alles wird wieder gut – als habe der milde Eichendorff eine Schillersche Familientragödie kurzerhand zum Singspiel verzaubert.

Das Stück ist ein Bastard von der räudigsten Art: ein "Trauerspiel" nannte es sein Dichter, ein "Lust- und Trauerspiel" später, zuletzt eine "Komödie". Es ist nichts von alledem – oder alles auf einmal.

Im Hamburger Thalia Theater hat Alexander Lang den Lenz inszeniert – ein Abgang. Langs Zeit als Hamburger Schauspieldirektor ist eine kurze Episode geblieben, denn nun wird er Viertelintendant, am Schiller-Theater zu Berlin.

Es ist ein Abschied, der den Abschied nicht über die Maßen schwer macht. Denn Lang hat aus einer einzigartigen, wüsten deutschen Komödie eine beliebige, harmlose Schnurre gemacht. Sogar so vortreffliche Schauspieler wie Hans Kremer (Hofmeister), Ulrich Pleitgen (Major) oder Wolf-Dietrich Sprenger (Schulmeister Wenzeslaus) scheinen eher dem Wilhelm-Busch-Album entsprungen zu sein als Lernens Pandämonium Germanikum.

Nichts erzählt Lang vom Sturm in den Köpfen, vom Drang in den Leibern. Nichts vom Schmerz der Figuren und ihrem schmerzverzerrten Witz. Ein verzagtes Getänzel findet auf der Bühne statt, kein komischer Amoklauf. Das Hirnrissige, Hirnwütige der Figuren verschwindet unter Puder und Zöpfen. Die Schauspieler erfüllen artig ihr Pensum – keiner wagt einen Blick, gar einen Sturz in die Tiefe. Da hat Christof Nels Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus (1980‚ mit Traugott Buhre, Gerd Kunath, Martin Pawlowsky) einen weit bedeutsameren Einblick in das Stück erlaubt: gewaltsam und verkrampft manchmal, doch oft von gewalttätiger Schönheit.