Niemand weiß heute mehr genau, wann die Krise ausbrach. Routinierte Redner gerieten ins Stocken, bewährten Plauderern fehlten die Worte, Journalisten saßen ratlos vor den Tasten ihrer Schreibmaschinen: Wie, um des Superlativs willen, sollten sie denn das Außergewöhnliche noch bezeichnen? Wie sollten sie – nur mal als Beispiel – die rasante Person mit den knallroten Schuhen treffend charakterisieren? Wie die Studenten, die in der Diskussion mit dem Bildungsminister so verdammt genau wußten, wovon sie redeten? Wie das Geldinstitut voller Nadelstreifenmänner, das die eigene Vornehmheit so unbeschreiblich weit vorangetrieben hatte?

Die Lösung war dann leichter als gedacht. Ja, mit ein bißchen Nachdenken und Nachschlagen im Bedeutungswörterbuch des Duden, Band IX, unter der Rubrik Vorsilben hätte jeder darauf kommen können. Die rasante Erscheinung mit den knallroten Schuhen war danach – nun? richtig! – hochsichtbar; die Studenten waren hochinformiert und die gesuchte Bank mit zwei Buchstaben war schlichtweg hochfein.

Man muß zugeben, daß unsere Sprache bis zu dieser Entdeckung unter einem bedenklichen Mangel an glaubwürdigen Steigerungsformeln litt. Lange Zeit beliebte Kombinationen mit dem Wort „total“, wie sie in der Verbindung „Er ist total der Spinner“ zum Ausdruck kommen, sind ja selbst unter Heranwachsenden im Abklingen begriffen. Das bedingt verwendbare „absolut“ ist für Interviews nach gewonnenen Matches reserviert und gehört inzwischen Steffi Graf allein. Selbst das lockere „super“ hat die alte Strahlkraft verloren, seit es in den Vokabelschatz von Entzücken heuchelnden Boutique-Besitzerinnen und sich jugendlich gebenden Managern abgesunken ist.

Man könnte vielleicht einwenden, es handele sich bei diesem jüngsten Versuch, der Sprache neue Reize abzugewinnen, nur um eine Variation der alten Art, wie sie uns aus schmuckloseren Kombinationen wie „hochaktuell“ oder „hochamüsant“ geläufig ist. Doch damit argumentierte man glatt vorbei am Wind der Veränderungen, der uns hier anweht. Nehmen wir nur mal diesen erfahrenen Produktionsleiter. Geradezu körperlich hat er gespürt, wie bei den Dreharbeiten zum letzten Film ein Haufen kreativer Einzelgänger zu einem Ganzen zusammenwuchs, daß die Funken sprühten. Ohne jemals von Überstunden, Kaffeepausen oder anderen Kleinkrämereien zu reden, brachte jeder in jedem Augenblick die optimale Leistung. Unser Produktionsleiter hätte das „engagiert“ nennen können, wäre damit aber in die Terminologie einer Zeit zurückgefallen, die unsere schöne Leistungsbereitschaft als Leistungsdruck schlechtgemacht hat. So bezeichnete unser Gewährsmann die Lust an der Arbeit an sich als „hochmotiviert“ und lieferte damit das Schlüsselwort, mit dem wohl alles anfing.

Wir stehen jetzt, sprachlich gesehen, nicht mehr mit leeren Händen da gegenüber einer sich dynamisch und temporeich auf Hochleistung hin entwickelnden Welt. Wo Spitzenprodukte das Ziel aller Wünsche sind, eröffnet sich für unsere Vorsilbe ein reiches Anwendungsgebiet. Die Marketing-Abteilung hat in diesem Jahr hocheffizient gearbeitet. Die Athleten haben sich hochprofessionell auf die Meisterschaften vorbereitet. Diesen deutschen Schriftsteller wird man wohl als einen persönlich hochschwierigen Mann bezeichnen dürfen, und die Kollegin sieht heute abend wirklich hochelend aus. Vielleicht langweilt sie sich aber auch nur, weil der Vortrag hochabstrakt ist.

Es gibt Menschen, die kriegen Depressionen, wenn sie nicht im Besitz des jeweiligen Spitzenmodells sind, wenn ihr auto reverse high quality walkman nur noch der zweitbeste am Markt ist. In Amerika nennt man sie power user. Eine deutsche Übersetzung wäre hochwillkommen.

Ulla Plog