„Ein Schweizer namens Nötzli“ von Gustav Ehmck

Das Schweizer Kino offeriert uns zur Zeit ein Identifikations-Sonderangebot: Herrn Nötzli. Er arbeitet als Buchhalter in einem Großraumbüro der Ergo-Chemie, liebt das Bürofräulein Hartmann und besitzt einen Schrebergarten. Regisseur Gustav Ehmck will uns den Spießer als guten Menschen, den Bürotrottel als Parsifal der Konzerne vorstellen. Im Grunde sollen wir glauben, Nötzlis Bauch, der Nötzlis Sakko fast zum Platzen bringt, sei deshalb so dick, weil sein großes Herz im Laufe seines Lebens in Richtung Hosentasche verrutschte. Hamsterbäckchen wattieren Nötzlis Gesicht gegen die Attacken einer bösen Welt. Diese fast apoplektische Ausdruckslosigkeit erleben wir unter Gustav Ehmcks Regie als gute Miene zum bösen Spiel.

„Ein Schweizer namens Nötzli“ ist ein Gratifikationsmärchen. Nötzli wird mit einem Protektionskind des Ministers verwechselt, steigt in die Konzernspitze auf, wird entdeckt, zurückgestuft und zum guten Schluß wegen verborgener Fähigkeiten doch noch Generaldirektor. Die Titelrolle spielt der nicht umsonst nur in de Schweiz bekannte Komiker Walter Roderer, das Fräulein Hartmann die Groschen-Schauspielerin Ursela Monn, Nötzlis jungen Kollegen der Serien-Smily Jochen Schroeder („Die Wicherts von nebenan“ und „Schwarzwaldklinik“). Wen das noch nicht satt macht, für den singt Udo Jürgens ein Lied: „Treibjagd“. Ja, Treibjagd oder Ein Regisseur namens Ehmck.

In diesen Tagen, da „Nötzli“ ins Kino kommt, hätte Heinz Erhardt seinen 80. Geburtstag gefeiert. Was der Narr bei Shakespeare den Königen, war er dem unteren Kleinbürgertum. Verglichen mit Erhardts Finanzbuchhalter Willi Winzig ist dieser Nötzli bloß ein sentimentaler Biedermann. „... wir, die wir alle Nötzlis sind“, schrieb Peter Buchka in der Süddeutschen Zeitung Einspruch. Will Winzig sein. Helmut Schödel

„Liebes-Traum“ von Charles Finch

Es gibt zwei Gründe, sich einen Film noch einmal anzusehen: Entweder man mag ihn sehr, oder man ist in der ersten Hälfte eingeschlafen, hat aber versprochen, etwas zu schreiben. „Liebes-Traum“ fällt in die zweite Kategorie. Kassen-Belmondo Christopher Lambert („Greystoke/Tarzan“, „Subway“, „Highlander“) spielt einen Schlagersänger, der seit dem Tod seines Bruders keine Schlager mehr singt, und dann erscheint ihm eine ziemlich gute Fee (Diane Lane, die ich seit „Cattle Annie“ und „Rumble Fish“ liebe), und er hat bei ihr eine ganze Reihe von Wünschen frei. Das geschieht vorwiegend am Strand und ist so schmonzettenhaft photographiert (Luciano Tovoni) und mit Wegschmeiß-Musik zugepappt (Danny B. Besquet & Leonida Fabrizia), daß man ständig auf das Happy-End in Gestalt eines packshot wartet: Filterzigarettenschachtel, Schoko-Riegel, Bacardi-Cola, irgendwas. Doch die Erlösung bleibt aus, die Lider werden schwer, und bevor ich ein zweites Mal in diesem Film einpenne, verlasse ich das Kino. „Aber Sie können doch nicht mittendrin rausrennen“, sagt der nette Kartenabreißer („Oase“, Reeperbahn). „Gehen Sie doch in eins unserer anderen Kinos“, schlägt er besorgt vor. „,Der Bär’ von Jean-Jacques Annaud zum Beispiel ist ganz toll.“ „Ich weiß“, sage ich, wie aus einem bösen Traum erwachend.

Harry Rowohlt