Von Nikolaus Piper

Der "Runde Tisch" ist für die Polen bares Geld wert: Seit sich die regierenden Kommunisten und die – offiziell noch verbotene – Gewerkschaft Solidarität am 6. Februar im Haus des Ministerrates zu Verhandlungen zusammengesetzt haben, ist der Schwarzmarktkurs des Dollars gefallen – zum ersten Mal seit langem. 3100 Zloty kostet die heimliche Leitwährung der Volksrepublik zur Zeit bei den Taxifahrern und Marktfrauen Warschaus; das ist zwar noch sechsmal mehr als nach der amtlichen Kurstabelle, aber auch 700 Zloty weniger als noch Mitte Januar.

Die neue Wertschätzung für den Zloty hat sicher damit zu tun, daß am 15. März ein neues Devisengesetz in Kraft tritt, das den Handel mit westlicher Valuta innerhalb Polens weitgehend freigibt und damit das Risiko der Schwarzmarkttauscher eliminiert, Ärger mit der Polizei zu bekommen. Wahrscheinlich hat aber auch die bloße Tatsache des Dialogs zwischen Regierung und Opposition den einen oder anderen Polen dazu veranlaßt, ein bißchen mehr Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft zu fassen.

Der tatsächlichen Stimmung im Lande ist der Markt damit jedoch noch weit voraus. Je besser der Experte, desto düsterer die Prognose", überschrieb Polityka in diesen Tagen einen Cartoon zur Wirtschaftslage Polens. Während sich die Volksrepublik – zumindest auf dem Papier – mit atemberaubendem Tempo in Richtung Marktwirtschaft und Pluralismus verändert, beobachten die Betroffenen das Geschehen mit Fatalismus, Zynismus und rabenschwarzem Pessimismus.

Donnerstag voriger Woche, Pressekonferenz des Solidarnosc-Sprechers Janusz Onyszkiewicz im Warschauer Hotel "Europejski": Viele westliche Medien sind vertreten, aber auch die Parteizeitung Trybuna Ludu und Journalisten zahlreicher Untergrundblätter – sie firmieren offiziell als Mitarbeiter eines (nicht existierenden) "Pressebüros bei Lech Walesa". Kein Triumph ist hier zu spüren darüber, daß die Herrschenden gezwungen wurden, mit jenen Solidarnosc-Leuten zu verhandeln, die sie einst zu Tausenden in die Gefängnisse gesteckt hatten, und darüber, daß die Legalisierung der verbotenen Gewerkschaft unmittelbar bevorsteht. "Für viele meiner Freunde bin ich eine Verräterin, seit ich beim Runden Tisch mitmache", sagt eine vollkommen übermüdete Mitarbeiterin der Opposition. "Der Schritt ist mir unendlich schwergefallen, und ich habe es nur getan, weil ich keinen anderen Ausweg gesehen habe.

Der Runde Tisch läßt die meisten bei der Solidarität an ein Vabanque-Spiel mit sehr ungewissem Ausgang denken. "Im Grunde hat die Staatsmacht dabei mehr zu verlieren als wir", sagt Aleksander Paszynski, ein ehemaliger Polityka-Redakteur, der als Wirtschaftsexperte für Solidarnosc an den Verhandlungen teilnimmt. "Wenn die Gespräche scheitern, dann wird die jetzige Führung abgelöst. Die haben enormen Widerstand gegen ihren Kurs aus den eigenen Reihen."

Sollten die Verhandlungen im März ohne einen Antikrisenpakt zwischen Staatsmacht und Opposition zu Ende gehen, dann werden die Orthodoxen im Parteiapparat versuchen, wieder an die Macht zu kommen. Als einer der Köpfe der Betonfraktion gilt der Vorsitzende des offiziellen Gewerkschaftsverbandes OPZZ, Alfred Miodowicz. Niemand zweifelt daran, daß die jüngste Streikwelle von der OPZZ angezettelt wurde, um die Verhandlungen zu stören. Ein Ökonom, der der Solidarität nahesteht, sagt: "Das Klima für Streiks ist günstig, die Leute sind unzufrieden. Aber der Zündfunke kam diesmal von der OPZZ."