tephan Krukowska ist 35 Jahre alt und studiert in Kiel im 25 ("silbernen") Semester Deutsch und Geschichte für das Höhere Lehramt an Gymnasien. Er und andere "Späte" taten sich lange Zeit schwer damit, ihre Semesterzahl zuzugeben: "Ich war vier Jahre lang im zwölften Semester, ehe ich mich trotzig zum zwanzigsten bekannte "

Mit den Hemmungen ist seit November letzten Jahres Schluß. Nachdem wieder einmal ein gemütlicher Abend beim Bier mit Klageliedern geendet hatte, analysierten die Altstudenten ihre "Situation". Im Morgengrauen gründeten sie die Hochschulgruppe "Graue PantherLangzeitstudenten". Mit Wahlsprüchen wie "Alle Macht den Späten. 595 Semester irren nicht" oder "Ein Examen will gut abgehangen sein" kandidierten 35 erprobte Ältstudenten für die Wahlen zum Kieler Studentenparlament (StuPa). Politisch stehen sie "zwischen liberal und linksautonom". Selbstbewußt ließen sich die "Grauen Panther" mit ihrer Semesterzahl vor der Brust für ein Info Blatt ablichten. Auf der Rückseite begründeten sie ihr ausgedehntes Studium: "Ich habe neben dem Studium immer arbeiten müssen (Annette) "Wer stellt heute noch Lehrer ein? Deshalb promoviere ich jetzt " (Bernd) "Vor zwei Jahren habe ich ein Baby bekommen. Jetzt, wo die Kleine in den Kindergarten könnte, finde ich keinen in Uni Nähe (Susanne) Stephan Krukowska sagt dazu: "Unser Professor Clausen hat in einem Seminar einmal gesagt, es gebe drei wichtige Dinge im Leben: Liebe, Arbeit und Politik. Allerdings sollte man immer nur zwei zur Zeit machen. Na ja, Liebe sowieso, und wenn die andere Sache dann Politik i s t "

Viele fertig ausgebildete Lehrer haben, enttäuscht nach vergeblicher Suche auf dem Arbeitsmarkt, ein zweites Studium aufgenommen — "diesmal aber nicht in der Philosophischen Fakultät". Im übrigen fühlen sie sich niemandem verantwortlich "Wir finanzieren uns durchweg selbst", heißt es bei den "Grauen Panthern". Das Ergebnis der Wahlen zum Studenten Parlament war für alle Beteiligten eine Überraschung: Mit 17 Prozent wurden die "Grauen Panther Langzeitstudenten" zweitstarkste Fraktion. Verlierer der Wahl ("Wir fühlen uns gebeutelt") sind die Jungsozialisten. Sie rutschten von 44 auf 29 Prozent.

Die Wahlbeteiligung lag mit 38 Prozent um etwa ein Drittel hoher als im vergangenen Jahr. Die "Grauen Panther" wollen jetzt das Kulturreferat übernehmen ("Dann gibt es wieder richtige Oldie Feten") und sich für eine inhaltliche Studienreform einsetzen.

Wie läßt sich der Erfolg dieser neuen, von den meisten zunächst als Scherz eingeschätzten Gruppe erklären? "Wir haben den gesammelten Unmut der Studenten zum Ausdruck gebracht", sagt Stephan Krukowska. Schlechte Berufsaussichten, katastrophale Studienbedingungen - waren das für die anderen Fraktionen etwa keine Themen? "Das schon", räumt Krukowska ein, "aber mit welcher Verbissenheit wurde da diskutiert!" Die Flugblätter der "Grauen Panther", in freundlichem Orange gehalten, waren da schon etwas anderes. Unter der Überschrift "Gesund und frisch ins zwanzigste Semester" verkündeten sie zum Beispiel ihre Einstellung zur Gesundheitsreform, Fünftausend aufgeklebte Eukalyptus Bonbons, die die Betroffenen bis ins hohe Semester geistig fit und rege halten sollen, waren ihre Antwort darauf, daß Studenten, die länger als 14 Semester studieren oder älter als 30 Jahre sind, einen Krankenkassenbeitrag von 130 Mark monatlich zahlen müssen. Dazu das "Spaßprogramm" der Altstudenten: eine Scheinbörse ("Hast du keinen, tausch dir einen - einige Studenten haben genau die Seminarscheine, die andere noch brauchen. Beide wollen wir zusammenbringen "), Examen honoris causa (mit Rentenanspruch), ein Adlatus Sfür die Altgedienten zum Schuheputzen und ähnliches.

Den Kieler Studenten gefiel das eher unpolitische Programm der "Grauen Panther". Mißmutig aber waren die anderen Parteien: "Bei uns kommt nie einer und interessiert sich für unsere Arbeit, obwohl wir doch schon so lange ernsthafte Hochschulpolitik machen "Eben deswegen", sagt Stephan Krukowska, "Politik muß doch nicht bedeuten, daß man nicht auch mal lachen darf Gelacht hat auch die Hochschuldirektion, auch wenn sie noch nicht genau weiß, wie ernst sie die neue Gruppe nehmen soll "Wenn die ein Programm haben, dann die Abkehr von allzu viel Politik", sagt Gerhard Bagan, Pressereferent der Universität Kiel. Vielerorts ist man überrascht über das plötzliche Selbstbewußtsein einer Gruppe, die bislang ein eher verborgenes Dasein an der Uni geführt hat. Zurückhaltung sei auch eher angebracht, sagt Gerhard Bagan "Schließlich kann man das auch so sehen, daß sie den jungen und lernwilligen Studenten die Plätze wegnehmen "

Bislang mußte man mindestens 13 Semester Hochschulerfahrung haben, um sich zu den "Späten" zählen zu dürfen. Jetzt sollen auch Jüngere bei den "Grauen Panthern" mitmachen dürfen. "Spätestens 1993 gehören die genauso zu den zweistelligen Semestern "