Eine ältere Dame in wirklich feiner Abendgarderobe steht ratlos auf einer dieser nackten Betonstufen in der Münchner Olympiahalle. Sie sucht den Block D 6, daselbst die Reihe 26, Sitz 4. Ich versuche, ihr den Weg zu beschreiben, sie nickt und „versteht“ auch sehr nobel und stöckelt die steile Stiege wieder hinan. Ich sehe bangend, wie der spitze Absatz ihrer Pumps bei jedem Schritt ganz nah der Stufenkante aufsetzt. Jetzt setzt sie ihn direkt auf die Kante – und entkommt doch nach oben, wo sie natürlich weitersucht und es ihr wieder zu peinlich ist, jemanden nach dem Weg zu fragen. In diesen bangen Minuten hatte ich wirkliches Herzklopfen – wenn die alte Dame rücklings gestürzt wäre, über die zehn Meter lange steile Betonstiege. So spannend kann eine Opern-Premiere sein, wenn man sie an einen so sportlichen Ort verlegt.

Sportlich salopp ging’s auch in den beiden Pausen zu, als dreitausend Premierengäste sich durch die gepflasterten Wandelgänge schoben und vor den Toiletten Schlange standen; auch war die Flucht nach draußen, an die frische Luft, von einer ganzen Kompanie livrierter Ordner versperrt. Eine Atmosphäre wie beim Fußball-Länderspiel, zumal es auch eine Art von Flutlicht gab, eine Phalanx blendender Scheinwerfer, die beim Umbau der Bühne eingeschaltet wurden, offenbar um einen Vorhang zu ersetzen.

Ist auch das Konzept von der „friedlichen Nutzung“ des Münchner Olympiazentrums nicht in allen Teilen aufgegangen – die Olympiahalle ist immer noch gut besucht. Da gibt es Sport und Musik fürs große Publikum: Bodenturnen, Tina Turner und nun die Fürst-Igor-Wettkämpfe der Staatsoper. Schade nur, daß man von den Schlachten nichts gesehen hat, so viele Krieger zogen da mit Lanzen und Helmen über die Bühne. Erst von hinten nach vorn, dann von rechts nach links. Und einmal scheint es hinter diesem Fußballfeld von einer Bühne auch Kämpfe gegeben zu haben, da galoppierten zwei Hinkende hinter einem Treck her, so stereotyp und so verquer, wie dies ein altgedienter Statist auf seiner Opernbühne gelernt haben mag. Nun aber hatte er nicht fünfmal, sondern fünfundzwanzigmal auf dieselbe Art zu hinken, und es ging auch viel zu hurtig, als daß er seinen Schritt hätte leidend zelebrieren können.

Viele Leute wollen viel sehen. So wurden denn statt eines drei Wagen mit Russen, beziehungsweise Polowetzern herbeigerollt, statt zehn betrunkener Soldaten sah man dreißig, dreißigfach vergriffen sie sich an unschuldigen Mädchen: ein allgemeines Gewusel ohne Struktur, ohne Individuation; man sah dreißigmal gleichzeitig auf oberflächlichste Art das Gleiche – sollte das nun große, weil massenhafte Vorgänge bedeuten?

Doch das Massenhafte ist an sich nicht groß. Dies eben ist ja ein Grundgedanke dieser Oper und des Igor-Liedes, das ihren Stoff ausmacht: daß ein Volk verloren ist ohne den Einen, der es führt. Auch dieser Aufführung hätte etwas mehr Führung, etwas mehr Regie gut angestanden (Bühne: Giancarlo del Monaco, Jörg Zimmermann, Silvia Strahammer). Aber man begnügte sich, dem genius loci folgend, mit der Rolle eines Schiedsrichters, der die pünktlichen Aufzüge und Abgänge der Heerscharen und frierenden Bauern zu regeln hat.

Solch eine Riesenbühne ist gewiß nicht unbespielbar, sie braucht nur andere Bewegungsformen. Beim Gesang der Kontschakowna (Marjana Lipovsek) wurde ein riesiges Seidentuch auf dem Boden bewegt, eine Wellenbewegung her und hin, die sofort einen Strand, eine Brandung assoziieren ließ – die einzige dem Raum angemessene Bewegung, die zu sehen war. Auch akustisch ist die Olympiahalle ja gar nicht ungeeignet; selbst in den obersten Rängen kommt jeder Ton an.

Aber ach, diese armen Ballettmenschen, die sich bei den Polowetzer Tänzen mit ihren Kreuz- und Quersprüngen so sehr beeilen mußten, daß die eleganten Schnörkel nur angedeutet werden konnten. Daß man solch einen eindeutig rechteckigen Raum auch anders als symmetrisch hätte gliedern können, daß solch ein Raum mehr ist als eine gestretchte Opernbühne, das ist offenbar auch der Ballettmeisterin (Claudie Algeranowa) nicht beigekommen.