Auf einem großen Treffen nächste Woche in Bonn wollen Philologen, Politiker und Wirtschaftler über neue Aufgaben für die Geisteswissenschaften nachdenken

Von Christoph Türcke

Der Verdacht, überflüssig zu sein, nagt an den Geisteswissenschaften. Die Verbände der Germanisten, Romanisten und Anglisten laden zu einer gemeinsamen Tagung ein (vom 8. bis zum 10. März in Bonn), um „die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland auf den spezifischen Beitrag hinzuweisen, den die Sprach- und Literaturwissenschaften in der modernen Informationsgesellschaft zu leisten haben“. Wenn Referate von Johannes Rau und Lothar Späth, Diskussionen mit Jürgen Möllemann und Peter Glotz hierfür als besonders dienlich angesehen werden und im Tagungsprogramm ausdrücklich vermerkt ist, daß „Wissenschaftler und Vertreter aus Wirtschaft und Industrie von Anfang an bei der Konzeption“ zusammenwirkten, so zeigt sich beispielhaft: Der Erweis der eigenen Unentbehrlichkeit wird den Geisteswissenschaften unversehens zum ersten Gebot – zum Prüfstein dafür, wieviel von dem Geist, nach dem sie sich nennen, noch in ihnen steckt.

Ein harter Prüfstein. Geist, der heute darüber Auskunft geben soll, wozu er gut sei, befindet sich nicht im herrschaftsfreien Diskurs, sondern vor Gericht. Die gesellschaftliche Entwicklung selbst hat ihn dorthin zitiert. Die Fakten sprechen.

Daß man Natur- und Technikwissenschaften offensichtlich braucht, um international konkurrenzfähig zu bleiben, während Geistes- und Sozialwissenschaften dazu allenfalls minimal beitragen, daß es also volkswirtschaftlich richtig war, erstere in den letzten Jahren explosiv zu fördern, letztere drastisch abzubauen, daß ein paar Tausend arbeitslose Lehrer und Geisteswissenschaftler ein Tropfen auf den heißen Stein des Volkswohlstands sind – dies alles enthält eine handfeste Anklage: Geisteswissenschaften sind überflüssig; es geschieht ihnen recht, wenn sie noch mehr abgebaut werden.

Geist, der hier Rede und Antwort steht, verteidigt sich vor einer gestrengen Instanz, die sowohl Kläger als auch Richter, weil Geldgeber ist: die Gesamtheit der Kultus- und Wissenschaftsministerien, der Rechnungshöfe und Stiftungsräte, der Mäzene und Sponsoren. Das Gericht tagt laufend, ohne je physisch zusammenzutreten, und der Angeklagte hat, wie wortreich und verklausuliert er sich auch ausdrückt, nur mit einem einzigen Argument Aussicht auf Gehör: „Wenn ihr langfristig kalkuliert, werdet ihr sehen: Geist rechnet sich doch!“

Das große Mißverständnis