Es geht um mehr als nur Geld und Zinsen. Derzeit wird in Washington und Bonn um einen 500-Millionen-Dollar-Kredit der Weltbank für Brasilien gepokert. Gegen das Darlehen für Energieprojekte der größten Wirtschaftsmacht südlich des Äquators gab es schon im Vorfeld der Beratungen weltweit zahlreiche Proteste. Die einen sehen in dem Kredit eine Beihilfe zum Mord an Mensch und Natur, die anderen einen unverzichtbaren Beitrag zur Landesentwicklung und zur Beseitigung von Hunger und Armut in Brasilien. Die Weltbank und die Regierungen der kreditgebenden Länder sind ratlos und versuchen, sich hinter den Kulissen gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Klammheimlich wurden derweil in Balbina, 200 Kilometer nordöstlich von Manaus, die Schleusentore geöffnet und die Wassermassen des neuen Stausees auf die Schaufelräder der Turbinen geleitet. Kein Politiker, kein Staatsmann kam angereist, um der Eröffnung des Wasserkraftwerks beizuwohnen, gegen das seit Baubeginn besorgte Umweltschützer protestierten. Balbina – das geben selbst die Herren der Betreibergesellschaft Eletronorte zu – ist ein besonderes Monstrum der Umweltzerstörung und der Unwirtschaftlichkeit.

Wo sich früher ein üppiges Blattkronendach über das weite Tal des Rio Uatuma spannte, erstreckt sich heute ein See, der so groß ist wie das Saarland. Trotz der riesigen Wasserfläche ist die Stromausbeute von Balbina denkbar mager. Das Kraftwerk produziert nach dem endgültigen Ausbau gerade 250 Megawatt für die Industrie- und Freihandelszone von Manaus. Ein modernes Kohlekraftwerk hat eine dreifache Kapazität, ein Kernkraftwerk die fünffache. Gefälle und Mächtigkeit des Rio Uatuma sind viel zu gering für eine höhere Energieausbeute. Ein Jahr dauerte es, den flachen Stausee zu füllen. Jetzt vermodern darin die Baumriesen zu einer stinkenden, tödlichen Schwefelwasserstoffsuppe. Drei Millionen Kubikmeter Holz und Biomasse liegen knapp unter dem Wasserspiegel begraben.

Man hatte keine Zeit und keine Pläne, die Bäume vorher zu fällen. Sie hätten ausgereicht, um sämtliche Sägewerke der Region bis zum Jahre 2010 mit Holz zu versorgen. Der Wert der verlorenen Edelhölzer allein wird auf 200 Millionen Dollar geschätzt. 800 Millionen Dollar hat Balbina bisher gekostet. Die gesamten Umweltschäden dieses Dammes sind kaum in Geld umzurechnen.

Mit Weltbankkrediten wurden auch die Wasserkraftwerke von Itaipu und Tucurui gebaut. Das weltgrößte Kraftwerk Itaipu, es liegt im Dreiländereck von Brasilien, Argentinien und Paraguay, versorgt die Industrieregion von São Paulo mit Strom. Nach dem vollständigen Ausbau werden die achtzehn Siemens-Turbinen 12 600 Megawatt erzeugen. Der 178 Meter hohe Damm von Itaipu staut den siebtgrößten Fluß der Erde, den Rio Paranaä, zu einem vergleichsweise kleinen See an. Trotzdem hagelte es Proteste.

Viel größer ist die Wasserfläche von Tucurui, dem Damm, der den Amazonaszufluß Tocantins aufstaut. Tucurui wurde 1987 mit großem Pomp eingeweiht. Spektakulär waren auch die Aktionen, um Ameisenbären und Faultiere vor den steigenden Wassermassen zu retten – allerdings nur für die Fernsehkameras. In Wahrheit wurden in Tucurui schwerste Sünden an Mensch und Natur begangen. Indianergemeinschaften wurden auseinandergerissen, Fauna und Flora ertränkt. Hastig fällte man einige Hektar teurer Hölzer und entlaubte den Wald mit in Vietnam erprobten Chemikalien. Dann kamen die Fluten.

Itaipu, Tucurui, Balbina sind für die brasilianische Regierung die Meilensteine des Fortschritts. Mit Wasserkraft werden neunzig Prozent des brasilianischen Strombedarfs gedeckt. So soll es auch bleiben. Denn realistische Alternativen dazu gibt es derzeit nicht. Im "Piano 2010" der Energiebehörde Eletrobras sind die Parameter der Stromerzeugung und -versorgung Brasiliens bis nach der Jahrtausend wende abgesteckt. Auch im Jahre 2010 sollen rund neunzig Prozent der Elektroenergie durch Wasserkraft erzeugt werden und nur der Rest durch thermische Kraftwerke, zu gleichen Teilen durch Kohleverfeuerung und Atomenergie.

Die Stromerzeugung soll schneller wachsen als die Bevölkerung und im gleichen Rhythmus wie das Bruttosozialprodukt. Jährliche Steigerungen um fünf bis acht Prozent sind das Ziel, so daß sich bis zum Jahr 2010 der Stromverbrauch pro Einwohner verdreifachen und damit dem Niveau armer europäischer Staaten entsprechen wird.

Die hydroelektrischen Reserven Brasiliens werden bislang nur zu etwa einem Fünftel ausgeschöpft. Um das anvisierte Ziel der Stromerzeugung zu erreichen, sollen weitere 399 Generatoren in mehr als achtzig neuen Wasserkraftwerken ans Netz gehen. Das bei weitem größte Energiepotential liegt im Amazonasgebiet, wo zur Zeit nicht einmal fünf Prozent der Wasserkräfte genutzt werden. Die östlichen Amazonaszuflüsse Tocantins und Araguaia sollen nach den Vorstellungen der brasilianischen Energieplaner mit einer ganzen Kette mittlerer Kraftwerke versehen und schiffbar gemacht werden. Beiderseits dieser Ströme erstrecken sich weite, kaum besiedelte Gebiete mit Steppen-Vegetation. Es würden dort nicht wie in Balbina oder Tucurui tropische Regenwälder ersaufen.

Anders liegen die Dinge bei dem Projekt Cararaö, einem Superdamm, der den Rio Xingu bei Altamira absperren soll, um von 1999 an mit zwölf Turbinen 6300 Megawatt zu erzeugen. Mit dem Bau von Cararaô soll 1992 begonnen werden. Die Proteste gegen diesen Damm werden nicht ungehört in der Weltöffentlichkeit verhallen. Drei Dutzend Umweltorganisationen und Indianergruppen haben ihre Initiativen bereits angekündigt. Die Kraftwerkvorhaben am Xingu und an weiteren westlichen Amazonaszuflüssen würden tief in das Öko-System des tropischen Regenwaldes eingreifen und die Lebensgrundlage vieler Indianervölker zerstören. Das befürchten nicht nur Umweltschützer. Zunächst wurden die Regenwälder abgeholzt und nun weitere Waldareale unter Wasser gesetzt – das ist einfach zuviel der Zumutung, meinen inzwischen auch die Experten der Weltbank und der Bundesregierung. Sie sehen mit größter Besorgnis auf die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Dammbauten. Sollen sie dafür auch noch Geld ausgeben?

Bislang konnte Brasilien auf die Unterstützung der reichen Nationen und der internationalen Organisationen bei der Verwirklichung der Energiepläne zählen. Bereits beim ersten Kredit von 1986 verlangte die Weltbank allerdings schon die Berücksichtigung von sozialen und ökologischen Aspekten bei den neuen Projekten. Für den jetzt geplanten Kredit sind weitere Umweltauflagen vorgesehen, so daß die Weltbank feststellt, noch nie so viele Bedingungen dieser Art durchgesetzt zu haben. "Hierzu hat die Bundesregierung erheblich beigetragen", bemerkt eine Vorlage für die Kabinettsitzung am 17. Januar in Bonn und fügt warnend hinzu: "Gleichwohl muß auf die fortbestehenden Risiken hingewiesen werden, welche die tatsächliche Umsetzung der umweltpolitischen Auflagen wesentlich beeinträchtigen. Die Gründe hierfür liegen in der geringen Beachtung gesetzlicher Vorschriften in Brasilien, der schwachen Finanzausstattung der dortigen Institutionen sowie im Einfluß mächtiger Organisationen oder lokalen Interessen, wie der kürzliche Mord an dem Umwetschützer Chico Mendes im Amazonasgebiet leider wiederum verdeutlicht hat."

Bis zum September 1988 schien alles seinen Gang zu gehen. Brasilien konnte damit rechnen, bis zum Jahresende das Darlehen zu bekommen, wenn es sich nur den umweltpolitischen Forderungen der Weltbank unterwarf – wäre da nicht das neue Dekret gewesen. Der brasilianische Präsident José Sarney verfügte darin, daß der bisher eigenständige Atomenergiebereich in das staatliche Unternehmen Eletrobas eingegliedert wird. Der Schrottreaktor von Westinghouse (Angra I), dessen Pannenserie weltweit unübertroffen ist, gehört ebenso dazu wie das fast fertige Werk Angra II und der Rohbau von Angra III, die beide von Siemens gebaut werden. Die bis dahin weitgehend abgeschlossene Prüfung durch die Weltbank wurde nun auch auf die Kernkraftwerke ausgedehnt. Über die Wirtschaftlichkeit von Angra I sah die Weltbank gnädig hinweg, und das fast fertige Angra II wurde auch außen vorgelassen. Doch wie steht es um Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit von Angra III?

Präsident José Sarney löste durch sein Dekret eine Lawine von Fragen und Befürchtungen aus. Nun waren durch die Prüfung der Weltbank auf einmal nicht mehr nur brasilianische, sondern auch deutsche Interessen direkt betroffen. Es tauchte die Frage auf, ob die Weltbank, womöglich unter amerikanischem Druck, in den Vertrag der Bundesrepublik Deutschland und Brasilien zur friedlichen Nutzung der Atomenergie eingreift. Angesichts dieser Probleme machte die Weltbank in diesen Tagen klar, daß sie mit der Atomkraft nichts zu tun haben will. Sie forderte den brasilianischen Präsidenten auf, sein Dekret wieder zurückzunehmen.

Die Weltbank, so stöhnten die brasilianischen Fachleute, leistete sich für die versprochenen 500 Millionen Dollar dreiste Eingriffe in die Souveränität des Landes. Das Land aber braucht das Geld schon wegen der weiteren Kredite von privaten Banken und aus Japan, die an die Zusage der Weltbank gekoppelt sind. Für viele Brasilianer ist unverständlich, warum die westlichen Industrienaticnen Brasilien zunächst als "Weltmacht von morgen" preisen, dem Land Geld zu hohen Zinsen verleihen, davon schwärmen, halb Amazonien zwecks Landesentwicklung unter Wasser zu setzet, sich gegenseitig im Verkauf von Atomreaktoren unterbieten, das Land dafür loben, daß es sich über beide Ohren verschuldet, um Straßen, Häfen und Kraftwerke zu bauen – und daß dies alles jetzt nicht mehr gelten soll.

Daß durch die Ausplünderung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen die Basis für eine ausgeglichene Landesentwicklung langfristig untergraben wird, spricht sich allerdings auch in Brasilien langsam herum. Doch das Interessengeflecht zwischen den Profiteuren und Politikern ist zu dicht, um wirklich etwas tun zu können, zu stark sind auch noch die Zielkonflikte im eigenen Land.

Wasserkraftwerke gelten insgesamt als umweltfreundlicher im Vergleich zu thermischen Kraftwerken. Selbst wenn das gesamte Wasserkräftepotential Amazoniens angestaut werden würde, wären höchstens zwei Prozent der Region unter Wasser gesetzt. In ihren weitestgehenden Kraftwerksplänen rechnet die Eletrobras mit höchstens 0,3 Prozent der -Fläche. Das ist weit weniger Wald als allein 1987 durch Rodung und Brand der Großfarmer und Kleinbauern zerstört wurde – es wurden in diesem Jahr 1,8 Prozent der Gesamtfläche Amazoniens verwüstet.

Umweltschädliche Auswirkungen erwarten die Weltbank-Kontrolleure denn auch weniger durch die Stauseen und die gigantischen Transmissionsstrecken quer durch das kontinentale Land als durch die massenhaften Ansiedlungen in der Nähe der Energiequellen im Amazonasgebiet. Carajas, die größte Erzmine der Welt in Ostamazonien, ist dafür ein warnendes Beispiel. Die Weltbank hatte fünfzig Millionen Dollar für den Umweltschutz im Minengebiet vorgestreckt. Die Probleme mit der Umwelt begannen aber schon vor den Toren des Minengeländes, wo sich, angelockt durch die Hoffnung auf Arbeit, über hunderttausend Arbeits- und Landlose niederließen und in Windeseile die gesamte Vegetation zerstörten.

Weil der Energiebedarf Brasiliens in den kommenden Jahrzehnten wegen des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums stark ansteigen wird, dürfte aber die Wasserkraft mit Abstand die wichtigste Energiequelle zur Stromerzeugung bleiben. Energieengpässe führen schon in Belem, Manaus und in São Paulo zu Stromausfällen. Andererseits ist die Frage berechtigt, ob das von Brasilien angepeilte Versorgungsmodell nicht viel zu sehr auf große Einheiten und gigantische Netze baut. Mit keinem Wort werden im "Piano 2010" alternative Energiequellen erwähnt. Zu untersuchen wäre aber, ob mit Biogas und Sonnenenergie die Grundversorgung in weit auseinanderliegenden Siedlungen der tropischen Breiten nicht besser zu erreichen ist als durch eine gigantische Verkabelung. Viele kleine, dezentrale Einheiten statt weniger großer – dieser Gedanke rührt aber in Brasilien an das Eigeninteresse der großspurigen und bürokratischen Energiekonzerne.