Die Stromerzeugung soll schneller wachsen als die Bevölkerung und im gleichen Rhythmus wie das Bruttosozialprodukt. Jährliche Steigerungen um fünf bis acht Prozent sind das Ziel, so daß sich bis zum Jahr 2010 der Stromverbrauch pro Einwohner verdreifachen und damit dem Niveau armer europäischer Staaten entsprechen wird.

Die hydroelektrischen Reserven Brasiliens werden bislang nur zu etwa einem Fünftel ausgeschöpft. Um das anvisierte Ziel der Stromerzeugung zu erreichen, sollen weitere 399 Generatoren in mehr als achtzig neuen Wasserkraftwerken ans Netz gehen. Das bei weitem größte Energiepotential liegt im Amazonasgebiet, wo zur Zeit nicht einmal fünf Prozent der Wasserkräfte genutzt werden. Die östlichen Amazonaszuflüsse Tocantins und Araguaia sollen nach den Vorstellungen der brasilianischen Energieplaner mit einer ganzen Kette mittlerer Kraftwerke versehen und schiffbar gemacht werden. Beiderseits dieser Ströme erstrecken sich weite, kaum besiedelte Gebiete mit Steppen-Vegetation. Es würden dort nicht wie in Balbina oder Tucurui tropische Regenwälder ersaufen.

Anders liegen die Dinge bei dem Projekt Cararaö, einem Superdamm, der den Rio Xingu bei Altamira absperren soll, um von 1999 an mit zwölf Turbinen 6300 Megawatt zu erzeugen. Mit dem Bau von Cararaô soll 1992 begonnen werden. Die Proteste gegen diesen Damm werden nicht ungehört in der Weltöffentlichkeit verhallen. Drei Dutzend Umweltorganisationen und Indianergruppen haben ihre Initiativen bereits angekündigt. Die Kraftwerkvorhaben am Xingu und an weiteren westlichen Amazonaszuflüssen würden tief in das Öko-System des tropischen Regenwaldes eingreifen und die Lebensgrundlage vieler Indianervölker zerstören. Das befürchten nicht nur Umweltschützer. Zunächst wurden die Regenwälder abgeholzt und nun weitere Waldareale unter Wasser gesetzt – das ist einfach zuviel der Zumutung, meinen inzwischen auch die Experten der Weltbank und der Bundesregierung. Sie sehen mit größter Besorgnis auf die ökologischen und sozialen Auswirkungen der Dammbauten. Sollen sie dafür auch noch Geld ausgeben?

Bislang konnte Brasilien auf die Unterstützung der reichen Nationen und der internationalen Organisationen bei der Verwirklichung der Energiepläne zählen. Bereits beim ersten Kredit von 1986 verlangte die Weltbank allerdings schon die Berücksichtigung von sozialen und ökologischen Aspekten bei den neuen Projekten. Für den jetzt geplanten Kredit sind weitere Umweltauflagen vorgesehen, so daß die Weltbank feststellt, noch nie so viele Bedingungen dieser Art durchgesetzt zu haben. "Hierzu hat die Bundesregierung erheblich beigetragen", bemerkt eine Vorlage für die Kabinettsitzung am 17. Januar in Bonn und fügt warnend hinzu: "Gleichwohl muß auf die fortbestehenden Risiken hingewiesen werden, welche die tatsächliche Umsetzung der umweltpolitischen Auflagen wesentlich beeinträchtigen. Die Gründe hierfür liegen in der geringen Beachtung gesetzlicher Vorschriften in Brasilien, der schwachen Finanzausstattung der dortigen Institutionen sowie im Einfluß mächtiger Organisationen oder lokalen Interessen, wie der kürzliche Mord an dem Umwetschützer Chico Mendes im Amazonasgebiet leider wiederum verdeutlicht hat."

Bis zum September 1988 schien alles seinen Gang zu gehen. Brasilien konnte damit rechnen, bis zum Jahresende das Darlehen zu bekommen, wenn es sich nur den umweltpolitischen Forderungen der Weltbank unterwarf – wäre da nicht das neue Dekret gewesen. Der brasilianische Präsident José Sarney verfügte darin, daß der bisher eigenständige Atomenergiebereich in das staatliche Unternehmen Eletrobas eingegliedert wird. Der Schrottreaktor von Westinghouse (Angra I), dessen Pannenserie weltweit unübertroffen ist, gehört ebenso dazu wie das fast fertige Werk Angra II und der Rohbau von Angra III, die beide von Siemens gebaut werden. Die bis dahin weitgehend abgeschlossene Prüfung durch die Weltbank wurde nun auch auf die Kernkraftwerke ausgedehnt. Über die Wirtschaftlichkeit von Angra I sah die Weltbank gnädig hinweg, und das fast fertige Angra II wurde auch außen vorgelassen. Doch wie steht es um Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit von Angra III?

Präsident José Sarney löste durch sein Dekret eine Lawine von Fragen und Befürchtungen aus. Nun waren durch die Prüfung der Weltbank auf einmal nicht mehr nur brasilianische, sondern auch deutsche Interessen direkt betroffen. Es tauchte die Frage auf, ob die Weltbank, womöglich unter amerikanischem Druck, in den Vertrag der Bundesrepublik Deutschland und Brasilien zur friedlichen Nutzung der Atomenergie eingreift. Angesichts dieser Probleme machte die Weltbank in diesen Tagen klar, daß sie mit der Atomkraft nichts zu tun haben will. Sie forderte den brasilianischen Präsidenten auf, sein Dekret wieder zurückzunehmen.

Die Weltbank, so stöhnten die brasilianischen Fachleute, leistete sich für die versprochenen 500 Millionen Dollar dreiste Eingriffe in die Souveränität des Landes. Das Land aber braucht das Geld schon wegen der weiteren Kredite von privaten Banken und aus Japan, die an die Zusage der Weltbank gekoppelt sind. Für viele Brasilianer ist unverständlich, warum die westlichen Industrienaticnen Brasilien zunächst als "Weltmacht von morgen" preisen, dem Land Geld zu hohen Zinsen verleihen, davon schwärmen, halb Amazonien zwecks Landesentwicklung unter Wasser zu setzet, sich gegenseitig im Verkauf von Atomreaktoren unterbieten, das Land dafür loben, daß es sich über beide Ohren verschuldet, um Straßen, Häfen und Kraftwerke zu bauen – und daß dies alles jetzt nicht mehr gelten soll.