Daß durch die Ausplünderung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen die Basis für eine ausgeglichene Landesentwicklung langfristig untergraben wird, spricht sich allerdings auch in Brasilien langsam herum. Doch das Interessengeflecht zwischen den Profiteuren und Politikern ist zu dicht, um wirklich etwas tun zu können, zu stark sind auch noch die Zielkonflikte im eigenen Land.

Wasserkraftwerke gelten insgesamt als umweltfreundlicher im Vergleich zu thermischen Kraftwerken. Selbst wenn das gesamte Wasserkräftepotential Amazoniens angestaut werden würde, wären höchstens zwei Prozent der Region unter Wasser gesetzt. In ihren weitestgehenden Kraftwerksplänen rechnet die Eletrobras mit höchstens 0,3 Prozent der -Fläche. Das ist weit weniger Wald als allein 1987 durch Rodung und Brand der Großfarmer und Kleinbauern zerstört wurde – es wurden in diesem Jahr 1,8 Prozent der Gesamtfläche Amazoniens verwüstet.

Umweltschädliche Auswirkungen erwarten die Weltbank-Kontrolleure denn auch weniger durch die Stauseen und die gigantischen Transmissionsstrecken quer durch das kontinentale Land als durch die massenhaften Ansiedlungen in der Nähe der Energiequellen im Amazonasgebiet. Carajas, die größte Erzmine der Welt in Ostamazonien, ist dafür ein warnendes Beispiel. Die Weltbank hatte fünfzig Millionen Dollar für den Umweltschutz im Minengebiet vorgestreckt. Die Probleme mit der Umwelt begannen aber schon vor den Toren des Minengeländes, wo sich, angelockt durch die Hoffnung auf Arbeit, über hunderttausend Arbeits- und Landlose niederließen und in Windeseile die gesamte Vegetation zerstörten.

Weil der Energiebedarf Brasiliens in den kommenden Jahrzehnten wegen des Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums stark ansteigen wird, dürfte aber die Wasserkraft mit Abstand die wichtigste Energiequelle zur Stromerzeugung bleiben. Energieengpässe führen schon in Belem, Manaus und in São Paulo zu Stromausfällen. Andererseits ist die Frage berechtigt, ob das von Brasilien angepeilte Versorgungsmodell nicht viel zu sehr auf große Einheiten und gigantische Netze baut. Mit keinem Wort werden im "Piano 2010" alternative Energiequellen erwähnt. Zu untersuchen wäre aber, ob mit Biogas und Sonnenenergie die Grundversorgung in weit auseinanderliegenden Siedlungen der tropischen Breiten nicht besser zu erreichen ist als durch eine gigantische Verkabelung. Viele kleine, dezentrale Einheiten statt weniger großer – dieser Gedanke rührt aber in Brasilien an das Eigeninteresse der großspurigen und bürokratischen Energiekonzerne.