Alle Welt besitzt heutzutage einen Videorecorder. Wir auch. Prächtig sieht er aus. Schwer ist er. Im Wohnzimmer hat er ein eigenes Plätzchen unter dem Fernseher gefunden, und da blinkt er nun selbstvergessen mit seinen Dioden. Mal zeigt er grüne Ziffern an, mal einen Doppelpunkt, auch rätselhafte Worte wie cass oder rew tauchen auf, dann ist er wieder still. Kurzum: Er fühlt sich sichtlich wohl. Und wenn man ihn in Ruhe läßt, dann fällt es ihm irgendwann ein, die aktuelle Zeit zu melden, ob die von Greenwich, die von Osaka oder die von Timbuktu ist nicht immer ganz klar.

Die Zeitangabe hat uns von Anfang an stutzig gemacht. Im Laden war noch nicht die Rede davon, aber als der Meister persönlich erschien, um das Gerät aufzustellen, da spätestens hätten wir den Braten riechen können. Nach einer guten Stunde Gestöpsel und Gekabel meldete der Kasten "8888".

Das war offensichtlich das Signal: "Ich geh’ mal eben schnell noch ein Kabel holen", meinte der Fachmann zu seinem Lehrling, "und du stellst inzwischen die Uhr ein." Fort war er. Der Lehrling, hochrot im Gesicht, blätterte ratlos in der Bedienungsanleitung. Von sekundären Bedienungstafeln war da die Rede, von einer mit store bezeichneten Vertiefung, von step und set und reset und davon, daß man den Videorecorder bitteschön an die Zimmertemperatur anzupassen habe, was mindestens zwei Stunden in Anspruch nehme. "Was, noch nicht fertig?" raunzte der Chef bei seiner Rückkehr, "na, wir müssen jetzt weiter. Viel Spaß noch."

Den haben wir wirklich gehabt. Noch heute bewundere ich das Erkenntnisniveau einer solchen Bedienungsanleitung. "Das Gerät kann auf automatische Ein- und Abschaltung einer Aufnahme programmiert werden, so daß Sie jede Fernsehsendung aufzeichnen können, auch wenn Sie nicht zu Hause sind." Kürzer und prägnanter könnte wohl niemand den Sinn und Zweck eines Videorecorders definieren. Und doch: Welche Philosophie steckt in dem Wörtchen "kann"! Es ist ja nicht ausgeschlossen, daß irgendjemand einen Videorecorder programmieren kann.

Tatsächlich müssen sogar Millionen von Menschen dazu imstande sein, wenn man sich die Verkaufszahlen ansieht, aber ich habe meine Zweifel. Über ein paar Versuche bin ich nicht hinausgekommen. Unser Videoarchiv besteht aus einigen Fragmenten der Hamstershow "Vier gegen Willi", einem alten deutschen Heimatfilm und einer Dokumentation über Kakteen in Neu-Mexiko. Das alles verdanken wir einem fernsehsüchtigen Teenager, der innerhalb von fünf Minuten herausfand, wie man irgendwelche VPS-Nummern in den Kasten speist oder löscht, ich weiß nicht mehr genau, was.

Die junge Generation ist also fein raus, obwohl auch sie den Beweis schuldig blieb, ob sie die angeblich bedienerfreundliche "Programmierung über das Bildschirmmenü per Video Terminal Fernbedienung" beherrscht. Spätestens beim Untermenü 3a wird auch ihr schlecht werden, fürchte ich.

Einmal noch habe ich es – mehr aus Versehen – geschafft, eine Aufzeichnung während einer laufenden Sendung zu starten. Aber das ist ja nun der Gipfel des Unfugs. Wenn man eine Sendung schon sieht, dann braucht man sie ja wohl nicht aufzuzeichnen, oder?