Bremen

Seit der Bremer Bürgerschaftsabgeordnete Martin Thomas als erster Politiker der Grünen an der parlamentarischen Kontrolle des Verfassungsschutzes teilhaben darf, akzeptieren auch amerikanische Diplomaten den ehemaligen KPDler als Staatsmann Anfang vergangenen Jahres lud ihn der Hamburger US-Konsul mehrfach zum Hintergrundgesprach – für Thomas nichts Ungewöhnliches "Es ist üblich", glaubt er, "daß zwischen Parlamentariern und den diplomatischen Vertretungen der verschiedenen Staaten ein Meinungsaustausch stattfindet Mißtrauisch sei er allerdings geworden, so sagt der Grüne heute, als der Amerikaner beharrlich habe wissen wollen, was er denn in der Parlamentarischen Kontrollkommission, der PKK, so erfahre

Im Juli 1988 bekam Thomas Post von einem Zivilangestellten der US-Army, der im Streit mit Vorgesetzten lag, weil er keine Dossiers über die Grünen anlegen wollte Aus der PKK war Thomas gewohnt, Geheimnisse zu bewahren – er legte das brisante Papier zu seinen Akten

Im Herbst vergangenen Jahres bemuhte sich die Bonner Vertretung der USA um den grünen Geheimnisträger. Botschafter Richard Burt lud "Dear Mr Thomas" ein, gemeinsam mit einigen anderen "experts" des kleinen Nato-Partners vier Wochen im Land des großen Bruders an einem "Project for Political Leaders" teilzunehmen Thomas wäre gern gefahren, wenn ihm die Bremer Politik Zeit dazu gelassen hatte

Am vergangenen Wochenende bekam der Abgeordnete neue Hintergrundinformationen über die US-Army – diesmal von der linken Berliner tageszeitung. Der Redaktion war ein "vertrauliches Arbeitspapier" eines militärischen Aufklarungsdienstes der Amerikaner in die Hände gefallen, das das auffällige Interesse ihrer Behörden an dem Bremer Lokalpolitiker erklart Durch ihn, furchten die Autoren, konnten die Grünen erfahren, "welche Arbeitsbeziehungen das Bremer Landesamt für Verfassungsschutz mit anderen (einschließlich ausländischen) Diensten unterhalt", und am Ende versuchen, "in der PKK und im Parlament eine Mehrheit für eine Beschrankung der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit" zu finden "Da", sagt Thomas, "bin ich aus allen Wolken gefallen."

Bislang funktioniert die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit offenbar nicht schlecht. Die Autoren des US-Papiers beziehen sich jedenfalls auf "fuhrende Beamte des Bremer Staatsschutzes", die "nicht mit einer Minderheitenposition im Bremer Landesamt für Verfassungsschutz übereinstimmen, daß ein PKK-Mitglied der Grünen die Vertraulichkeit der in den Sitzungen behandelten Themen wahren wird"

Thomas aber weiß, wie sehr der Bremer Verfassungsschutz ihn schätzt "In der PKK ist Herr Thomas der Fleißigste", hatte der Chef der Behörde dem Spiegel anvertraut, was den Grünen wiederum "sehr gefreut" hat. Jetzt verlangt er vom amerikanischen Kongreß und der Bonner US-Botschaft "ruckhaltlose Aufklarung" darüber, woher die Autoren des vertraulichen Arbeitspapiers ihre Informationen hatten

Mit dem US-Konsul will der Grüne erst nach einer Entschuldigung der Amerikaner wieder reden Und auch für seine Arbeit in der PKK kundigte der Geheimdienst-Kontrolleur Konsequenzen an In Zukunft werde er sich mehr mit der Zusammenarbeit deutscher und ausländischer Nachrichtendienste beschäftigen – "bisher habe ich mich für diese Sachen nicht besonders interessiert" Frank Drieschner