Von Otto A. Böhmer

Der Schriftsteller Eckhard Henscheid macht es Freunden und Feinden bekanntlich nicht leicht; er, der so gut auszuteilen versteht, läßt nicht mit sich spaßen, wenn es um die Bedeutung seiner eigenen Werke geht. Der Witzbold, dem es einst gelang, eine gewaltige Fangemeinde um sich zu scharen und über Jahre hinweg bei Laune zu halten, will er (längst) nicht mehr sein. Henscheid hat sich mittlerweile einer Literatur verschrieben, in der die Kalauer nicht mehr quer durchs Erzählte verstreut werden müssen, um Stimmung zu machen, sondern die Wirklichkeit selbst dem Leser so komisch-geläutert daherkommt, daß er anfängt, sich die Augen zu reiben und am eigenen, kritisch-gestählten Verstände zu zweifeln.

Henscheid benötigt keinen Ich-Erzähler; er bleibt wie ein verschlagener Puppenspieler im Verborgenen, dem es genügt, seine Figuren ein ums andere Mal vorzuführen. Das Vergnügen dabei hat der Betrachter; die Realität erscheint ihm als Schauspiel, das von seinen dezenten Aussparungen lebt und gerade deswegen nicht auf die gängigen Würzmittel aus der Abteilung Häme & Frohsinn des Schadens angewiesen ist.

Seinem neuen Buch „Maria Schnee“ hat Henscheid den (warnenden) Untertitel „Eine Idylle“ beigegeben, und das ist gut so. Gemeinhin nämlich erwartet man von einem literarischen Prosawerk, daß es uns, die wir allmählich allesamt vorkommen dürfen wie tief in den Sessel versunkene Serienhelden, zumindest eine Geschichte erzählt – oder aber mit (mehr oder weniger) tiefsinnigen Reflexionen aufwartet, aus denen wir ablauschen dürfen, wie zerrüttet die Welt und wie lädiert der dunkle Schacht unseres Bewußtseins ist.

Nichts von alledem bei Henscheid: Er erzählt keine Geschichte, zumindest keine der üblichen Art, und er traktiert seine Leser auch nicht mit fein herausgeputzten Gedanken. Die „Idylle“ dieses Autors ist eine ins Kleine gebrachte Welt, in der nichts passiert; bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch, daß sich in dieser Welt sehr wohl etwas zuträgt: Es sind jene bedeutenden Ereignisse, die alle Sesselfurzer aufhorchen lassen und für wenige glückselige Momente dazu bewegen, über den „Tellerrand des Augenblicks“ zu schauen – wie es der von Eckhard Henscheid so verehrte Helmut Kohl einmal sagte. Henscheid erzählt von den Tiefenstrukturen einer ruhiggestellten Welt, für die ein Mann wie Kohl mit Geschick und professioneller Behäbigkeit die nötigen Außenkontakte regelt.

Die Idylle, die sich rund um Maria Schnee, einem niedlichen Kirchlein, ausbreitet, ist die versonnene Provinzialität einer süddeutschen Kleinstadt, in die Hermann, Henscheids Protagonist, eines schläfrig-schönen Sommertages gerät: Hermann ist auf der Durchreise; wo er herkommt, spielt keine Rolle, wo er hinwill, bleibt unwesentlichen Mutmaßungen überlassen. So quartiert er sich denn ein in der „Pensionsgaststätte Hubmeier in der Entengasse“. In der Wirtsstube sitzen ein paar junge Leute und dösen vor sich hin, bewacht von Hubmeier, dem krückstockbewehrten Wirt, Fränzi, einer großmutterähnlichen Bediensteten, die kaum noch vom Stuhl kommt, und Frl. Anni, Hubmeiers vergleichsweise umtriebigen Gattin. Man trinkt Flaschenbier, man redet und schweigt – und die Zeit vergeht auf kaum merkliche Weise. Wenn einer etwas zu sagen hat, ist es der Rede nicht wert, und gerade dann zeigt sich Henscheid als ein Autor mit enormen Zuhörerqualitäten: Die Wiedergabe der Biertisch-Erörterungen gerät ihm, wie in seinen besten Tagen, zu einer hochkomischen Eloge auf die Vergeblichkeit der großen Konversation, die sich, wenn man ihr nur ernsthaft und lange genug das Wort erteilt, stets selber entlarvt.

Um die Idylle, von der er berichtet, noch haltbarer zu machen, bedient sich der Autor einer gewollt putzigen, ja possierlichen Diktion, die jedem Wirklichkeitsgeschädigten Leser zunächst einige – Schwierigkeiten bereiten dürfte: „Frl. Ammi rief dem Wirt etwas Geschwindes zu, Hubmeier kantigen Kopfs stemmte fast wild seinen Stock darwider in den Fußboden. Dann aber schon reckte er lauschend sein Ohr in Richtung auf Frl. Annis helle Stimme. Mehrfach steil bestätigend, nickte sein schweres Haupt, das flache, äußerst ebenmäßige Gesicht... Er stemmte sich erneut hoch und bückte sich, indessen beide Beine ruhen blieben, interessiert nach vorn zum Kühlschrank hin. Die Großmutter war nicht zu sehen. Sichtlich befangen in einer nicht geringen Aufwallung durchquerte Hubmeier im Anschluß humpelnd die halbe Gaststättenstube und knipste den Fernseher gleich wieder aus ...“