Von Wolfgang Gehrmann und Erika Martens

ZEIT: Herr Blüm, Sie waren lange einer der beliebtesten Unionspolitiker. Heute sind Sie in Popularitatsumfragen deutlich im Minus. Machen Sie die falsche Politik?

Blum: Wer in die Politik geht, um beliebt zu sein, der hat den Beruf verfehlt. Nicht alles, was populär ist, ist richtig. Ich war bei Meinungsbefragungen schon so unter dem Teppich, daß Sie mich dort nur noch mit dem Mikroskop wiedergefunden hatten. Ich war aber auch schon ganz oben. Ein Politiker, der seine Zeit damit vergeudet, auszukundschaften, wie er ankommt, verliert Zeit und Kraft, Probleme zu lösen.

ZEIT: Ihr Problem ist kein geringeres, als den Sozialstaat zu renovieren.

Blum: Wir werden umbauen müssen. Umbauen heißt, zurückzunehmen, um ausdehnen zu können. Die Ausdehnung wird für selbstverständlich gehalten; die Zurücknahme trifft immer auf Widerstand. Aber die mit Pflichtbeitragen finanzierte Solidarität kann nicht in gleichem Maße wachsen wie der Gesundheitskonsum. Wir müssen uns auf das Notwendige konzentrieren und die Eigenverantwortung starken.

ZEIT: Im Prinzip müßten die Leute diesem Umbau aber doch zustimmen können. Die massive öffentliche Kritik an Ihren beiden großen Reformen, Gesundheitswesen und Rentenversicherung, legt den Schluß nahe: Der Umbau ist Ihnen nicht so gelungen, daß dieses Prinzip den Leuten erkennbar und einsichtig geworden ist.

Blum: Prinzipielle Zustimmung ist leicht zu haben. Wenn es aber darum geht, Konsequenzen aus prinzipiellen Einsichten zu ziehen, nimmt die Zustimmung proportional zur Konkretisierung der Prinzipien ab.