Die winterliche Lübecker Bucht ist wie leergefegt. Nur ein paar Frachtschiffe und Fähren stören Möwen und Haubentaucher. Frischer Westwind schickt dunkle Wolkenfelder über das bewegte Wasser, als aus dem grauen Küstenstrich von Travemünde bedrohlich schnell ein riesiger Flügel herauswächst — auf zwei Rümpfen, einer tief ins Wasser gedrückt, fast völlig in einer Gischtwolke verschwindend. Beinahe lautlos schießt das Ding heran. Die Wasservögel, die viel zu spät losfliegen, haben Mühe, die Bahn zu räumen. Mit weit auseinandergestemmten Beinen zischt die groteske Spinne an unserem kleinen, schaukelnden Motorboot vorbei. Auf dem Mittelsteg des "Segelschiffs" hocken in dicken, wattierten bunten Schutzanzügen die Piloten — wie auf der Straße abgestellte Müllsäcke. Das "Segelschiff": ein Katamaran, eine Konstruktion aus zwei langen Röhren, verbunden mit drei Holmen von der Spannweite einer halben Autobahnbrücke.

Später kommt der Katamaran, wie verabredet, nach der Trainingsfahrt von Fehmarn her angeprescht und bremst abrupt. Das Gefährt treibt steuerlos unter flatternden Segeln, während ich über die zwischen den Rümpfen gespannten Netze klettere. Die Segler hocken inmitten von Winden und Kurbeln in einem Wust daumendikken Tauwerks im "Cockpit", einer zwei Meter über dem Wasser aufgehängten Wanne. Kurze Begrüßung, dann mühen sich vorne schon zwei Mann an den Kurbeln zum Antrieb der Vorsegelwinde, als wollten sie einen alten Opel Kapitän mit Handstart zum Laufen bringen. Hinter dem Rücken des Steuermanns wird an einer zweiten Winde gedreht, die das Großsegel dichtholt — hundertfünfzig Quadratmeter beigefarbenen Kevlartuches knallen über unseren Köpfen im Wind, unten begrenzt durch ein Gestänge von der Solidität eines Baukrans, dem Großbaum.

Die Segelfläche des Katamarans wird vom Wind ergriffen. Die Kufen arbeiten erst zischend, dann registrieren sie die Schläge der Ostseewellen nur noch mit einem leichten Beben. Die Zahlenfolge des notdürftig mit Tesafilm installierten digitalen Geschwindigkeitsmessers überschlägt sich fast, bis eine "20" erscheint und es schließlich 26 Knoten anzeigt. Das sind fast fünfzig Stundenkilometer. So schnell rutschten zur Jahrhundertwende nur die großen Windjammer vor den Wellenbergen eines südpazifischen Orkans. Unter uns schießt das Wasser hindurch wie unter der Brücke eines Alpenflusses zur Zeit der Schneeschmelze.

Knapp 25 Meter lang, über zehn Meter breit ist der Katamaran, dabei keine sieben Tonnen schwer. Der 28 Meter über Wasser ragende Kohlefasermast und die hohe Geschwindigkeit des Schiffes verlangen besonders flache Segelprofile. Die großen Tücher müssen bei Wind mit viel Kraft flachgezogen werden. Franzosen und Briten pflügen mit solchen Booten seit Jahren in immer neuen Rekordzeiten über den Atlantik. Im Juli dieses Jahres werden die besten Segler dieser Maxikatamarane und trimarane (Dreirümpfer) in Hamburg zum "Course de lEurope" starten, einem Rennen in mehreren Etappen um den Kontinent herum bis Südfrankreich.

Wir sitzen in der "nacelle", wie die Franzosen die Anordnung von Arbeitscockpit mit Segelwinden, Kajüte und Steuerstand nennen Übersetzt heißt das "Fahrkorb", und dies ist wörtlich zu nehmen. Wenn die Segler im Sturm nicht rechtzeitig die Segel reffen oder in einer heftigen Windbö die Segel loslassen, dann gehorcht der Katamaran nicht mehr seinen Seglern, sondern dem Gesetz der Hebelkraft. Die windwärtige Kufe wird vom Druck der Segel aus dem Wasser gehoben und steigt, mitsamt dem "Fahrkorb", wie ein Fahrstuhl himmelwärts. Das gekippte Gestell zieht dann auf einer Kufe weiter — so vertrauenserweckend, wie die Fahrt eines Autos auf zwei statt vier Rädern. Besonders nervenstarke Naturen unter den Maxikatamaranseglern können das Ganze für Minuten in dieser riskanten Schwebe halten und freuen sich über den reduzierten Wasserwiderstand. Eine Bremse gibt es dabei nicht, nur die alles entscheidende Reaktion am Steuerrad und am wichtigsten Instrument für solche Kunststücke, einer Winde vom Umfang eines Partyfäßchens. Da steht ein zuverlässiger Mann, der mit dem Lösen der Schot blitzschnell den Winddruck im Großsegel vermindern soll, wenn sich der Maxikatamaran auf dem Wasser zu überschlagen droht.

Dieses, immerhin seltene, Abenteuer bleibt uns an diesem Nachmittag erspart, denn "die Segler wollen sich nach und nach an die Grenzen herantasten", sagt Ulrich Mathies, der Skipper des Katamarans. Naß werden wir trotzdem. Ständig durchfährt die "nacelle" die von den Kufen aufgewirbelte Gischt. Wer nach ein paar Stunden durchgefroren ist, kann zum Ausspannen in die "Kajüte" gehen. Der brusthohe Unterschlupf vor dem Steuerstand bietet das Raumgefühl einer vergrößerten Instrumentenkonsole. Auf Knien rutscht man hinein und freut sich, daß die Thermoskanne mit dem Kaffee noch heil und das Knäckebrot trocken geblieben ist. Hier sind der Geschwindigkeitsmesser und ein Decca Empfänger zur automatischen Standortbestimmung untergebracht.

Auf den Luxus eines Radarschirms haben die Segler verzichtet. Er hätte ihnen beim "Course de lEurope" nachts auf der zumeist ruppigen Nordsee immerhin eine bescheidene Gewißheit geboten: Daß ihnen das schwarze Nichts von Wind und Wasser, in das sie blind im Wettlauf mit der Zeit hineinjagen, keine unbeleuchteten Hindernisse beschert. Sechs Mann werden dabei sein, wenn die Maxikatamarane und trimarane sich gegenseitig in kurzen Etappen um Europa jagen: Am 23. Juli starten sie in Hamburg, und schon am 26 soll es, nach ein, zwei Ruhetagen in Den Haag, weiter nach Southampton und Lorient gehen, von wo die Segler am 1. August zur Reise über die gefürchtete Biskaya starten. Die fünfte Etappe beginnt am 5. August im nordspanischen Vigo und führt um Portugal herum nach Vilamoura an der Algarveküste, das sie am 9. August wieder verlassen müssen zu einer Reise durch das westliche Mittelmeer in eines der stürmischsten Seegebiete der Welt, den Golfe du Lion. Wenn die Flotte am 14. August spätestens im südfranzösischen Toulon eintrifft, wird sie rund 5000 Kilometer abgesegelt haben.