Von Hanno Kühnert

Richter und andere Bürger" ist ein ironischer Titel, den der Leser erst begreift, wenn er Heinrich Senffts zorniges Buch zu Ende gelesen hat und den Sarkasmus des Autors nachvollziehen kann. Vorher sagt ihm dieser Titel wenig. Erst der viel kleiner gedruckte Untertitel zeigt an, daß es sich um ein radikaldemokratisches und eminent wichtiges Buch handelt – um die Suche nach den Wurzeln des hundertjährigen Juristen-Versagens in Deutschland:

  • Heinrich Senfft:

Richter und andere Bürger

150 Jahre politische Justiz und neudeutsche Herrschaftspublizistik; Greno-Verlag, Nördlingen 1988; 222 S., 38,– DM

Der Verfasser, 1928 in Stuttgart geboren, jetzt bekannter Presse-Anwalt in Hamburg, legt im Vorwort seine eigene geistige Lebensgeschichte offen: "Erst spät begann ich mich für den Werdegang meiner Rechtslehrer zu interessieren: Was hatten die, die in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung schwelgten, in früheren Jahrzehnten getan?"

Dieses ehrliche und ungewöhnlich persönliche Vorwort Senffts, der bekennt, lange CDU- und FDP-Wähler gewesen und erst 1967 aufgewacht zu sein, dürfte der Schlüssel zu seinem bitteren Buch sein, das, einem vollen Anwaltsalltag abgerungen, auch wegen seiner Materialfülle und der Menge der Belege Respekt zu erwarten hat.