Im Sommer vergangenen Jahres beendete Horst Janssen ein fast dreijähriges Projekt von Wahlverwandtschaft: „Mit Georg Christoph Lichtenberg. drüben der Immer-Denker, hüben ein Immer-Zeichner, dazwischen ein träger breiter Fluß ... für den „privaten Janssen-Verlag“ (Arkana) seines Freundes Tete Böttger hat der Nimmermüde sein persönliches Lichtenberg-Lesebuch collagiert. Über die Jahre hatte der Freund und Philosophiedozent aus Göttingen den Hamburger Münchhausen besucht, ihm zum Arbeiten alte Kanzlei- und Makulaturbogen gebracht (nicht alles aus Lichtenbergs Zeiten, aber doch schon historisch), ihn mit Lichtenberg-Stoff versehen, beobachtend wie der Zeichner den Schriftsteller sich anverwandelt. Doppelköpfig sieht’s der Künstler, malt sich und Lichtenberg als Januskopf, kritzelt und denkt bildhaft Aphorismen weiter, schreibt seitenweise ab, sucht Textstellen aus für den Setzer. Er steckt sich und seine Traumfiguren in Callotsche Kostüme, grüßt damit als hellsichtiger Komödiant den scharfsinnigen Aufklärer, türmt mitten in Lichtenbergs Englandreise eine altdeutsche Weltlandschaft, legt klecksend Fährten für Spurensucher neben seine Abschriften. Janssen sortiert, wählt ein Format, eine Schrift, einen Einband, macht das Layout und den Umbruch und verneigt sich zum Schluß tief vor dem alten „Buckel Göttingensis“. „Viel zu viel und vor allem Nicht-Würdiges“ in sein Buch gesteckt zu haben, diese Kritik nimmt Janssen in seinem „Nachspruch des Zeichners“ vorweg und gern an und versteckt auf Seite 196, was er beim Wahlverwandten dazu fand: „Schmierbuchmethode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben zu lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigswahrheiten.“

Elke von Radziewsky