Die Straße ist unauffällig, typisch Kleinbürgerliches im alten Künstlerviertel von Montparnasse: bescheidene Häuser, zweckmäßige Geschäfte. Ein Antiquitätenhändler und ein Schmuckladen sind schon die Ausnahme. Dafür ist der Klempner gleich zur Hand, die Reinigung und das Wohnungsamt. Aber das Eckbistro verkauft, wie auch in feineren Quartiers üblich, seine Austern auf dem Trottoir.

Als fremder Klang in der kleinbürgerlichen Harmonie: ein lila und rosa gestreiftes Tor. Zwei große Schaufensterscheiben, durch das Milchglas schimmert ein Aktenstapel. Ein schmaler Innenhof mit Kübelpflanzen und Bäumen, die angrenzende Mauern verdecken. Links ein vollgestopftes Büro, rechts eine Küche. Geschäft oder Wohnung? Ein Haus? Zwei Häuser? Eine Hauslandschaft. Ständig wird ausoder umgebaut oder Veränderung geplant. Ein Haus, das nach allen Seiten wuchert.

Zuhausesein, das Behaustsein — das fasziniert die mere de la famdle der Nummer 86, rue Daguerre. Und das Unbehaustsein.

Darüber hat Agnes Varda einen Film gedreht: "Vogelfrei" beschrieb die letzten Stationen einer jungen Tramperin und Vagabundin im Süden Frankreichs bis zu ihrem einsamen Kältetod.

Mehr als über das Vagabundieren, hat die Regisseurin gesagt, spreche sie in dem Film über Häuser: "Nicht über solche, die man mietet oder kauft, sondern über Häuser, die man nicht hat, Häuser, die uns dazu bringen, nach Hause zu wollen, Häuser der Kindheit, Häuser, die man verloren hat, obdachlos "

Sogar in ihrer eigenen Straße trifft sie nicht wenige, die kein Dach über dem Kopf haben. Einen Clochard fand sie eines Tages dort liegen; als sie ihm Dekken und Essen bringen wollte, brüllte er vor Wut. Eine obdachlose Frau hat sie ins Haus geholt, ihr Unterkunft und Kleidung angeboten. Aber plötzlich war die Fremde wieder verschwunden. Was sie beschäftigt: "Die Unfähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren, die sich so weit von der Gesellschaft entfernt haben "

Im Schicksal von Mona, der Vagabundin, die sich allen verweigert, auch den wenigen, die ihr Hilfe anbieten, hat Agnes Varda solche Erfahrungen gebündelt "Sie will beunruhigen", schrieb die New York und tatsächlich hat sie sich nie darum geschert, plausible Erklärungen, psychologisch nachvollziehbare Entwicklungen anzubieten. So erreicht sie, daß der Zuschauer sich bei "Vogelfrei" die gleichen Fragen stellt wie sie selbst: "Würde man Mona helfen? Sie im Auto mitnehmen, obwohl sie dreckig ist und stinkt? Ihr Geld geben?"