Ach Gott, sagen die Fachleute, schon wieder eine Theorie Über Kaspar Hauser gibt es inzwischen 3000 Titel, 1928 waren es erst 2000. Und immer noch schwillt die Literatur über den beklagenswerten Findling. In Heft 6 der Karlsruher Neurologe Günter Hesse einen Artikel geschrieben, der den langjährigen Kaspar HauserAmateur doch verblüfft. Hesse behauptet, er habe das Rätsel Kaspar Hauser gelöst. Der Arzt und Psychiater wartet mit so vielen Indizien auf, daß die Anhänger der (herrschenden) These, der Nürnberger Findling sei ein Sohn des Großherzogs Karl von Baden und der Großherzogin Stephanie de Beauharnais, wenigstens ein bißchen mit den Ohren schlackern müßten.

Hesse widerspricht der Behauptung, daß nur noch die Literatur das Enigma Hauser zu enträtseln imstande sei. Er meint, die Lösung sei immer noch auf wissenschaftlichem, nämlich auf Günter Hesses Weg möglich: Kaspar Hauser sei "aller Wahrscheinlichkeit nach" kein "ausgesetzter Zähringer Prinz, sondern das uneheliche Kind einer Tiroler Dienstmagd" gewesen.

Der Arzt Hesse beginnt mit medizinischen Indizien, die er auf den damaligen Obduktionsbericht stutzt und auf eine Beschreibung von Hausers Anfallssymptomen durch Paul Johann Anselm Feuerbach, der eine Zeitlang Hausers Pflegevater war: Bei Kaspar Hauser seien Mißbildungen an Hirn, Haut, Muskeln und Knochen, verbunden mit "Epilepsie, Epidermolysis Syndrom, Pseudologismus, Schwachsinn, Sprachstörungen etc. nachzuweisen". Das erkläre die von Feuerbach beobachtete Linksbetonung und den Linksdrall bei Kaspar. Die Befunde ("an beiden Schläfenlappen befinden sich Irritationsherde durch Exostosen auf dem Boden der mittleren Schädelgrube bei stärkerer Ausprägung rechts") seien ein seltenes, erbliches Syndrom, das bei den Zähringern nicht gefunden werden könne, wohl aber in einer Tiroler Familie. Hier bleibt Hesse reichlich kryptisch. Das Hirnleiden des "Kindes von Europa" (so wird Kaspar Hauser inzwischen romantisierend genannt) habe sich in kurzen Bewußtlosigkeiten und anderen Anfallsformen geäußert, die oft ihren Höhepunkt in motorischen Entladungen hatten. Bei den Anfällen traten Geruchshalluzinationen auf: "Typische Symptome der Schläfenlappenherde". Hausers Depressionen seien ebenfalls diesem Hirnleiden entsprungen, ebenso die dramatischen Episoden mit Selbstverletzungen 1829, 1830 und 1833. Jedesmal sei der Linksdrall an den erlittenen Verwundungen nachzuweisen "Und 1833 können wir aufgrund des Stichkanals rekonstruieren, wie der Kranke bei einer Attentatssimulation schmerzinduziert einen lävoversiven Paroxysmus (linksdrehenden Anfall) provozierte, der den Dolch von links nach rechts beim Sturz zu Boden, das Herz streifend, durch Herzbeutel, Zwerchfell und Magen in die Leber bohrte Kaspar Hauser hat also das Mordattentat krankheitshalber simuliert, sagt Hesse. Die Nürnberger Ärzte haben dem Hirnleiden Kaspar Hausers hilflos gegenübergestanden, denn damals habe es die Elektroenzephalographie noch nicht gegeben.

Unhaltbar sei auch die Kerker Legende, schreibt Hesse. Jahrzehntelange Isolation und Dunkelhaft hätten schwere Defekte zeitigen müssen. Kaspar sei aber in Nürnberg mit frischem Teint, ohne Vitamin- und Eiweißmangelschäden, ohne Entzugserscheinungen, Muskelatrophien, Nervenläsionen erschienen und habe über einen vorzüglichen Immunstatus verfügt, so daß ihn in Nürnberg und Ansbach sämtliche Kinderkrankheiten verschonten. Das sei den früheren Kontakten mit der Umwelt und vorausgegangenen Infektionen zuzuschreiben.

Es stimme auch nicht, daß der Junge erst in Nürnberg reden gelernt habe. Tatsächlich habe man ihm lediglich sein heimatliches Idiom aus dem Unterinntal abgewöhnt - aber dies nur unzureichend: Bis ans Lebensende habe Kaspar Akkusativ und Dativ verwechselt, und sein Erzieher Daumer habe über "undeutsche Redewendungen" gestaunt. Hesse weist anhand einzelner Wörter nach: Es waren Tiroler Redegewohnheiten. Hesse glaubt den bei Hauser gefundenen Dokumenten, dem Rittmeisterbrief und dem "Mägdleinzettel". Diese identifizierten Kaspars Vater als Angehörigen der 4. Eskadron des "königlich bayerischen 6. Chevauxlegers Regiments". Zu den Rätseln der bisherigen Hauser Forschung gehöre es, daß sich bisher niemand um die Stationierung während Kaspars Empfängniszeit Mitte 1811 gekümmert habe. Die Innsbrucker Zeitung notierte das erwähnte Regiment im Juni 1810 im Unterinntal als Besatzungstruppe: Uneheliche Väter aus diesem Regiment registrierten die Taufmatrikeln von Hall im Jahr 1811.

Hesse insinuiert, daß Kaspar schon vor seinem Auftauchen in Nürnberg ein Tiroler Findelkind gewesen sein könnte: Für solche Kinder habe der österreichische Staat bis zum 16. Lebensjahr Unterhaltskosten gezahlt. Es sei kein Zufall, daß der arbeitsunfähige Hauser in diesem Alter abgeschoben worden sei. Hausers Aussetzung ausgerechnet an Pfingsten entspreche "Tiroler Folklore" (!): "An diesem Fest spielte man gern Dorfdeppen einen Streich Und wenn Kaspar Hauser an seinem zweiten Nürnberger Tag einen Papierbogen mit dem Alphabet vollschreibe, zelebriere er alpenländisches Ritual - einen Abwehrzauber gegen die bösen Geister der Fallsucht.

Sei auch der Name des Findlings ein Pseudonym, so doch kein zufälliges: In Tirol seien sowohl Kaspar als auch Hauser sehr beliebt gewesen. Hesse hat auf dem Kriegerdenkmal in Reith bei Kitzbühel einen am 4. Mai 1809 gefallenen Freiheitskämpfer Kaspar Hauser entdeckt. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß er die Mutter des "Kindes von Europa" gekannt und für dessen Name Pate gestanden habe. Auch die Pockenimpfung, mit der Hauser versehen war, deute auf Tirol.