ARD, Sonntag, 5. Marz und 12. März, jeweils 14.15 Uhr: „Verlorene Zeit oder Reifezeit? – fünfzehn Monate Dienst in einer Panzerkompanie“, ein Bericht von Michael Strasburger.

Durch den Drill, daß er da mal aufwacht“ – das wünscht sich die Mutter des Einberufenen für ihren Sohn. Und der Einberufene selbst, ein arbeitsloser Bäckergeselle: „... vielleicht meine einzige Chance, daß ich selbständig werde und weiß, was ich will.“ Soll doch niemand sagen, an die Armee würden keine Erwartungen geknüpft. Kann sie diese Erwartungen als Bundeswehr noch erfüllen? „Die Bundeswehr ist zu schlaff geworden“, bekennt einer der Väter, „es tut keinem weh, wenn er sich bei MG-Feuer in eine Pfütze schmeißt, ohne lange mit dem Vorgesetzten zu diskutieren.“

Dieser Vater ist enttäuscht, als er seinen Sohn so ganz unverändert nach dem Wehrdienst zurückbekommt: „Die haben da keine richtigen Vorbilder mehr.“ Ach, die Armee ist nicht mehr, was sie war; die Eltern merken’s noch, den Jungsoldaten kann es nicht auffallen, sie kennen keinen Ernstfall. Panzerfahren, Schießen, Geländeübungen – sie empfinden das als eine Art Spiel; die Ziel-Elektronik im Innern des Panzers wird als ein Videospiel beschrieben, und: „Man rechnet eigentlich nicht damit, daß man mal raus muß.“ So geht die Grundausbildung hin in der sommerheißen Lüneburger Heide – mit Körperertüchtigung, Exerzieren, Wacheschieben. Man schwitzt, man kämpft, man gibt sein Bestes. Man will kein Drückeberger sein, kein Schwächling. Das läuft ohne größeren Druck, die Leistungsbereitschaft steckt, scheint’s, schon in den jungen Leuten drin; es kann viel lockerer und liberaler zugehen, als es – soweit ich mich erinnere – in der DDR-Volksarmee zuging.

Läuft das so glatt? So glatt läuft das. Einer der Vier, die wir im Film begleiten, muß zweimal Anlauf nehmen, aber dann kommt auch er über die Eskaladierwand. Er muß besonders viel Ehrgeiz investieren, aber das hat ihm den „Bund“ nicht verleidet. Im Gegenteil. Die alten Mechanismen greifen noch, man ist beeindruckt von der Panzertechnik, und mehr noch vom eigenen Schneid.

Die Ansprache beim Vereidigungszeremoniell: „Sie dürfen das Vertrauen haben, nicht mißbraucht zu werden ...“ Danach erzählen die Rekruten und ihre Angehörigen von „feierlich-beklemmenden“ Gefühlen: „Man merkt, jetzt wird’s irgendwie ernst...“ „Wenn jetzt Krieg käme ...“ „Ich möcht’ mir darüber keine Gedanken machen.“

Michael Strasburger hat einen genauen Dokumentarfilm über ein Thema gemacht, das durch die Schilderung eines reibungslosen Ablaufs noch an Spannung gewinnt. Seine Fragen sind neugierig provokativ, aber vorurteilsfrei, und sie offenbaren immer wieder, daß man sich als Rekrut der achtziger Jahre solche Fragen wie die nach dem ersten Schuß auf einen Menschen nicht zu stellen genötigt war.

Die Antworten klingen entsprechend naiv: „Ich würde einfach nicht schießen“, „Wenn ich wirklich auf Menschen schießen muß, war mein Wehrdienst umsonst, denn gerade das sollte er verhindern.“