Nun ist sie fast vollbracht, die von Minister Christian Schwarz-Schilling vielgepriesene Jahrhundert-Reform der Deutschen Bundespost. Nach etlichen Zugeständnissen signalisierten jüngst Gewerkschaften und selbst die parlamentarische Opposition ihr Einverständnis.

Doch das Werk, über das demnächst im Bundestag abgestimmt wird, hat mit den ursprünglichen Absichten der Reformer nichts mehr zu tun. Das riesige Staatsunternehmen mit seinen 550 000 Beschäftigten sollte „fit gemacht werden“ für die Zukunft. Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil. Weil die große Reform zu einem Flickenteppich geworden ist, entsteht nun ein durch und durch bürokratisches Gebilde.

Schon gleich zu Beginn seines Jahrhundert-Werkes verstrickte sich Schwarz-Schilling im vielfältigen Interessengewirr und lernte offensichtlich nichts daraus. Er preschte mit seinen kühnen Plänen vor und zog damit nicht nur den Zorn der eigenen Mitarbeiter und der Opposition auf sich, sondern auch den der Kabinettskollegen. Fast alle hatten etwas auszusetzen. Dem damaligen Wirtschaftsminister Martin Bangemann ging das Konzept nicht weit genug. Finanzminister Gerhard Stoltenberg fürchtete um den jährlichen Geldsegen, den ihm die derzeit noch hohen Betriebseinnahmen der Fernmeldebehörde sichern, und Innenminister Friedrich Zimmermann sah das öffentliche Dienstrecht in Gefahr, weil sein Kollege von der Post in Zukunft Manager engagieren will, die er besser bezahlen möchte als seine bisherigen Behördenvorsteher. Selbst Justizminister Hans A. Engelhardt äußerte Bedenken. Ihm ging es um den Datenschutz.

Durch die Kritik im Detail ließ sich Schwarz-Schilling indes nicht irritieren. Denn er hatte ganz andere Dimensionen im Kopf. Mit der Dreiteilung der Bundespost in ein Unternehmen, das die Briefe, Päckchen und Pakete verteilt, in eines, das die Geldgeschäfte der Kunden abwickelt und ein weiteres, das die zukunftsträchtigen Fernmeldegeschäfte betreibt, wollte er den gelben Riesen schlanker und damit flexibler machen für das, was demnächst auf ihn zukommt: private Konkurrenz. Denn das ist sein weiterer ehrgeiziger Plan. Es soll endlich Schluß sein mit dem umfassenden Monopol des Staatsbetriebes im Fernmeldebereich. In einem großen Teil seines Geschäftes soll es künftig Wettbewerb geben.

Bisher war die Post allein berechtigt, für den Transport von Nachrichten aller Art zu sorgen. Demnächst dürfen auch private Unternehmen Telephonapparate verkaufen, Computernetze vermarkten und neue Dienste, wie etwa Bildschirmtext oder Telefax, anbieten. Nur den Fernsprechbetrieb soll die Post künftig noch allein betreiben.

Doch im allgemeinen Eifer, das Traditionsunternehmen organisatorisch völlig umzukrempeln und gleichzeitig dessen Fernmeldegeschäft zu liberalisieren, hat Schwarz-Schilling übersehen, daß nicht nur der Markt, sondern auch andere Mächte ihre Kräfte entfalten: Vertreter aus dem Bundestag, dem Bundesrat und nicht zuletzt die Postbediensteten.

Bisher waren sie alle im Verwaltungsrat, dem wichtigsten Kontrollorgan der Post, vertreten und damit an wichtigen Entscheidungen beteiligt. Doch ein solches Gremium paßt nicht mehr ins neue Konzept, es sollte deshalb einfach abgeschafft werden. Der schlichte Beschluß, der den Vorständen der drei neuen Unternehmen zweifellos große Vorteile brächte, entpuppte sich politisch als Rundumschlag, der auf Ablehnung stieß: Das Parlament wäre in Sachen Post entmachtet und der Einfluß der Bundesländer beschnitten worden. Und die Gewerkschaften hätten zusätzlich noch das Nachsehen gehabt, weil allein die Dreiteilung des Imperiums ausreicht, um ihre Macht zu zersplittern.