Von Jürgen Krönig

Englische Boulevardzeitungen titulieren Margaret Thatcher gelegentlich als "grüne Göttin" – in einer Mischung aus Respekt und leichtem Spott. Eigentlich gehört dieser Titel einer blonden Gymnastiklehrerin, die allmorgendlich im BBC-Frühstücksfernsehen, in ein grell-grünes Trikot gekleidet, die Briten zu ermuntern sucht, etwas für ihren Organismus zu tun.

Margaret Thatcher hat seit einigen Monaten das Wohlergehen des angeschlagenen globalen Organismus im Auge. Schon in ihrer vielzitierten Herbstrede vor der "Royal Society" bediente sie sich eines bis dahin völlig unbekannten Vokabulars, entsagte dem "grenzenlosen Wachstum" und versuchte, den Thatcherismus um die ökologische Dimension zu bereichern. Die Menschheit habe "unwissend und unbeabsichtigt ein Experiment gestartet, das die Stabilität des Systems des Planeten erschüttert", teilte sie der erstaunten Zuhörerschaft mit, die bislang von ihr nur Wachstumsparolen und Fortschrittsglauben gewohnt war.

Nun bietet die Ozon-Konferenz der britischen Premierministerin eine weitere Gelegenheit, sich als problembewußte Weltpolitikerin zu präsentieren, die globale Perspektive klar vor Augen. Ihre Regierung wird dabei jenen Internationalismus demonstrieren, den die Neokonservativen gern für sich pachten möchten. Der "grünen Erleuchtung" im Herbst vergangenen Jahres waren betriebsame Monate gefolgt: Ausgerechnet die britische Regierung, die bis dahin bei den europäischen Partnern als umweltpolitischer Paria galt, setzte sich an die Spitze der "Rettet die Ozonschicht"-Bewegung. Jetzt kann sie vor aller Welt und den Wählern zu Hause die propagandistischen Früchte dieser Bemühungen ernten und den Gastgeber für eine Konferenz spielen, zu der immerhin Delegationen aus 110 Ländern und 80 leibhaftige Umweltminister erwartet werden.

In den europäischen Hauptstädten schaut man mit gemischten Gefühlen auf das Londoner Spektakel. Es sei "eigentlich überflüssig", meinen Bonner Ministerialbeamte, das Thema Ozon sei abgehakt, Instrumente in Montreal entwickelt worden. Jetzt gelte es, sie anzuwenden und mehr zum Schutz der Ozonschicht zu tun. Auf der Konferenz werden keine Beschlüsse gefaßt und kaum Zahlen genannt. Am Ende wird Margaret Thatchers Umweltminister Nicolas Ridley eine "Botschaft" verkünden – ausgerechnet er, der in Großbritannien wie bei seinen europäischen Kollegen geradezu als Verkörperung ökologischer Ignoranz gilt. Ridley wird fordern, die Produktion der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) bis zum Ende der neunziger Jahre nicht nur um 50, sondern um 85 Prozent zu reduzieren.

Einige Länder wie die Bundesrepublik wollen mehr und dies noch früher erreichen. Eine Drosselung der FCKW-Produktion sei um bis zu 95 Prozent und auch schon bis 1995 möglich, heißt es. Einig sind sich die Industriestaaten in der Absicht, die Dritte Welt davon zu überzeugen, nicht auf dem "Nachholbedarf" an FCKW zu beharren, sondern sich lieber gleich unschädlicher Ersatzstoffe zu bedienen, um die Ausdünnung der Ozonschicht nicht zusätzlich zu beschleunigen. Dabei ist die Menge der in der Dritten Welt hergestellten und benutzten Treibgase verschwindend gering im Vergleich zu der in Nordamerika und Westeuropa. Die westliche Welt war 1984 für knapp 74 Prozent der gesamten FCKW-Produktion und 70 Prozent des Verbrauchs dieser chemischen Substanzen verantwortlich.

Bei aller Kritik: Die Londoner Konferenz kann dazu beitragen, das globale Bewußtsein für das Ausmaß der Krise zu schärfen, von der die Menschheit bedroht ist. Nach den drei Tagen werden sich Tausende von Delegierten, Politikern und Journalisten in Düsenjets auf den Heimweg machen, die bei einem siebenstündigen Flug pro Maschine 120 000 Kilo Umweltgifte in die obere Atmosphäre ausstoßen.