Jochen Vogel hat den Deutschen vorgehalten, sie sähen aus, als seien Essig und Salzsäure ihre Lieblingsgetränke. „Wie wahr“, stimmt Erich Wiedemann zu, „man braucht ja nur Jochen Vogel anzusehen und anzuhören.“ Stimmt es, daß wir ein weinerliches Volk von Angsthasen und Pessimisten sind, wie der Spiegel-Reporter in seinem provozierenden Buch gegen den Zeitgeist behauptet?

Für seine These führt der Autor unzählige Belege ins Feld, Zitate aus allen politischen Lagern, Ergebnisse internationaler Meinungsumfragen, Beispiele aus westdeutscher Literatur und Kunst, vor allem aber seine eigene, vergnügliche Sicht der Dinge, die er in leckeren Formulierungen serviert.

Wiedemann über die jungen deutschen Theologen: „Das moderne Evangelium der gotteskritischen Protestpastoren, die Beffchen mit eingebügelten Sorgenfalten tragen, fühlt sich dem Trost für die Menschen nicht mehr verpflichtet.“

Wiedemann über die Kernkraft: „Daß sich die Deutschen darüber Gedanken machen, was passieren würde, wenn ein Jumbo vom Himmel genau auf einen Reaktor fiele, das ist für die Franzosen Fallout von schrulligem teutonischem Perfektionismus, der seine Erfüllung im Aberwitz sucht.“

Und zur Inflation des öffentlichen Widerstandes in der Bundesrepublik: „Wer sich beim Sit-in für freie Krötenwanderungen fühlt wie Stauffenberg, der sitzt ganz sicher nicht richtig.“

Als Wiedemann vor kurzem in einer Talk-Show vernommen wurde, zeigte sich, wie recht er mit seinem Befund hat: „Wehe, jemand versucht, ihnen ihre Ängste ... durch die schlichte Darstellung von Realitäten zu verwässern, dann werden sie böse.“ Die Talker vom NDR wurden es, als der Autor schlichte Realitäten über die Verbreitung von Aids in der Bundesrepublik zur Sprache brachte – sie hat bei weitem nicht das befürchtete Ausmaß erreicht und blieb fast ausschließlich auf die bekannten Risikogruppen beschränkt. Helle Empörung vor allem über Wiedemanns Bemerkung, das in den Wein gepantschte Glykol sei gewiß eine Sauerei gewesen, doch in den verwendeten Mengen wäre es absolut unschädlich für die menschliche Gesundheit.

Am Ende der Schau wurde dem Kritiker der „Deutschen Ängste“ vorgeworfen, mit seinen Realitätsenthüllungen mache er das sich zaghaft entwickelnde Umweltbewußtsein der Deutschen wieder zunichte. Zu sagen, daß solches Bewußtsein ohnehin nicht von langer Dauer sein kann, wenn es sich weitgehend auf irreale Ängste stützt, dazu kam der Gescholtene gar nicht mehr – gottlob auch nicht dazu, seine Ansichten über unsere Tschernobyl-Hysterie kundzutun; man wäre ihm wohl an die Gurgel gesprungen.