Von Angela Oelckers

Hier oben auf dem Fjell weht der Wind aus allen Richtungen gleichzeitig. Er treibt uns, die wir um das kleine Feuer kauern, den beißenden Rauch in die Augen. Von vorne ist es schön warm, aber von hinten... Tor Arne, Führer unserer Skitour, streckt die Hand mit einem Pappbecher „Cowboy“-Kaffee Richtung Osten, als wolle er einem unsichtbaren Troll zuprosten: „Da drüben ist die Grenze!“ Grenze? Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, daß sich das Litlfjell in eine norwegische und eine schwedische Hälfte teilt. Kein Zaun, keine Reihe der varden genannten Steinhaufen, keine Waldschneise. Aber Wald gibt es ja hier, auf dem 900 Meter hohen Plateau, ohnehin nicht, nur sanft gewellte, gleißend helle Schneeflächen.

Am späten Vormittag sind wir losgezogen, von Trysil in der norwegischen Provinz Hedmark. Fast eine kleine Expedition: fünf Menschen, zehn Huskies, sechs Skier, zwei Schlitten, reichlich Proviant und ein Sack Kiefernscheite. Unser Ziel ist Schweden, aber was heißt das schon. Ringsum grenzenlose Weite – spaßeshalber wandere ich ein Stück ostwärts: Ist es hier? Oder noch ein wenig weiter?

Egal. Auf dem Fjell sind Grenzen noch sinnloser als andernorts. Denn hier ist villmark, Wildnis. Das nächste bewohnte Gehöft liegt eine Tagesreise auf Skiern entfernt, kein Schneescooter sorgt für präparierte Loipen, Wegweiser gibt es nicht. Welch ein Genuß, weit blicken zu können! „Eine Bläue entfernt“, sagt man in der Hedmark zu allem, was am diesigen Horizont liegt. Vor uns, im schwedischen Nord-Dalarna, reiht sich Tal an Tal, Bläue an Bläue. „Wenn du das bewältigt hast, von hier nach da zu kommen“, sagt Tor Arne, „dann weißt du: Nichts ist unmöglich.“

Tor Arne Myrheim ist der Prototyp eines nordischen Trappers: grüne Filzuberhose mit zwei Messern, ein Kompaß und eine Hundepfeife am Gürtel, karierte Holzfällerjacke, Stirnband mit Wolfsschwanz, Fünf-Tage-Bart. Kurzum: Robert Redford in der Rolle Jack Londons. Außerdem ist der knapp 40jährige noch: Ziegenfarmer, Elektronikingenieur, Familienvater, Jäger, Angler, Hundeschlittenführer ... und der cleverste PR-Mann seines eigenen Projektes, der „Aktiv Fritid Trysil“.

Zusammen mit den Husky-Führern Terje, Halvor, Morten und Jon-Erik organisiert er in diesem Winter erstmals Ski- und Schlittentouren im schwedisch-norwegischen Grenzland. Die längste Tour führt in knapp zehn Tagen von Süd nach Nord übers Fulufjell in die Bittermarka. Die Hunde ziehen das Gepäck, übernachtet wird in einfachen Berghütten, und zur Sicherheit ist immer ein Funkgerät dabei. Das aber nur für den Fall, daß sich jemand ernstlich verletzt, denn verlaufen hat sich Tor Arne noch nie: „Ich kenne jeden Busch. Das hier“, sagt er, läßt kurz den Schlitten los und beschreibt mit dem Arm einen weiten Bogen, das hier ist mein Königreich ..“

Mit 3000 Quadratkilometern ist Trysil eine der größten Landgemeinden Norwegens und eine der waldreichsten dazu. Zwischen dem See Osensjön und dem Fluß Ljöra leben mehr Elche und Füchse als Menschen: Laut Statistik teilen sich 2,5 Einwohner einen Quadratkilometer, die meisten aber leben im Innbygda‚ dem Städtchen Trysil. Dennoch rühmt sich die Gemeinde in einem Prospekt, „die besten Wintersporteinrichtungen in ganz Norwegen“ zu besitzen. Zweihundert Kilometer Loipe sind gespurt, und mit seinen 15 Skiliften ist Trysil tatsächlich das größte Alpingebiet des Landes.