Hamburg

Muttermilch – das Beste für mein Kind.“ Davon war die 35jährige Stephanie Frey überzeugt, als sie sich entschloß, ihr Kind zu stillen. Ohne zuzufüttern und möglichst lange.

Als sie in Natur einen Beitrag über „Dioxin-Milch“ gelesen hatte, kamen ihr doch Zweifel. Auf Nachfrage bestätigte ihr Kinderarzt zwar, was sie längst wußte, daß nämlich Muttermilch vom Säugling am besten vertragen wird, ihm einen sicheren Immunschutz verleiht und auch aus psychologischer Sicht der Flaschennahrung weit überlegen ist. „Aber“, fügte er hinzu, „als Nahrungsmittel würde sie sehr wahrscheinlich sofort aus dem Verkehr gezogen. Keine Kuhmilch ist im Durchschnitt ähnlich hoch mit Schadstoffen belastet wie Muttermilch.“

Die Nachricht war Anstoß für die Hamburgerin, sich zu informieren. Nun wollte sie es ganz genau wissen: Welche Rückstände aus Pflanzenschutzmitteln, welchen Anteil an polychlorierten Biphenylen (PCB) und wieviel Cadmium enthielt das, was ihr Baby da mit Wonne trank?

Der Anruf beim zuständigen Hygiene-Institut in Rothenburgsort war eine Enttäuschung. Ja, wurde ihr mitgeteilt, hier werde zwar Muttermilch untersucht. Einen Termin könne sie freilich erst in einem halben Jahr bekommen, „wegen der begrenzten Kapazität“. Im August? So lange wollte sie sowieso nicht stillen. „Was nützt mir das? Jetzt will ich wissen, was da drin ist.“ Zwischen zwei und vier Muttermilch-Proben laßt die Hamburger Behörde im Monat untersuchen; nicht eben viel für eine Stadt, in der im vergangenen Jahr über 14 000 Babies geboren wurden. In anderen Bundesländern erfahren die Mütter schneller, was sie wissen wollen. Beispielsweise in Baden-Württemberg. Auch dort sind die Untersuchungen kostenlos; ein Angebot, das nach Äußerung des Leiters der Chemischen Landesuntersuchungsanstalt Hans Miethke „ziemlich stark in Anspruch genommen wird“: Ungefähr 1200 Proben wurden dort im vergangenen Jahr untersucht, die Gesundheitsämter gaben nach vier bis fünf Wochen eine genaue Analyse ab.

In Hamburg hält man diesen Dienst an der Gesundheit offenbar für überflüssig. Es werden „keine nennenswerten Belastungen“ festgestellt, heißt es im Hygiene-Institut; deshalb seien Stichproben ausreichend. Im übrigen wird auf eine Untersuchung des Bundesgesundheitsamtes hingewiesen, in der der Schadstoffgehalt nach Bundesländern gestaffelt aufgeführt sei.

„Ich würde jeder Mutter raten, eine Muttermilch-Analyse machen zu lassen“, sagt hingegen Angela Marx-Siebdrath vom Verein „Eltern für unbelastete Nahrung“. „Sechs Monate lang sollte nur gestillt werden, wenn gewährleistet ist, daß keine hohen Konzentrationen vorliegen.“ Die im Oktober 1988 vom Bundesgesundheitsamt herausgegebene Höchstmengenverordnung beispielsweise erlaubt in Kuhmilch einen PCB-Gehalt von 0,05 Milligramm pro Kilogramm. Die Freiburger „Aktion Muttermilch – ein Menschenrecht“ hat Durchschnittswerte in Muttermilch von 1,36 mg/kg festgestellt und einen Höchstwert von 11,78 mg/kg. Wie „giftig“ die Muttermilch tatsächlich ist, richtet sich, darüber sind sich Fachleute einig, weniger nach dem Wohnort als nach der individuellen Situation einer Frau. Vom Arbeitsplatz hängt ebensoviel ab wie von ihrer Lebensweise: Daß Frauen, die sich überwiegend vegetarisch ernähren, günstigere Werte aufweisen als andere, die über Fleisch und Wurst mehr tierische Fette aufnehmen, gilt als sicher.