An manchen Spätfrühlingsabenden, wenn man beispielsweise im siebten Stock des Bayerischen Rundfunks steht und nach Süden schaut, wenn in der einfallenden Dämmerung die Ampeln und Rücklichter besonders grell leuchten, wenn der Föhn die Häuser wie Laubsägearbeiten hintereinanderstaffelt, wenn über den Dächern dieses merkwürdige Blau aufzieht und Verona und Italien gleich hinter dem Forstenrieder Park anfangen – dann ist München die schönste Stadt der Welt.

Aber ach, wie selten sind diese Glücksmomente! Die meiste Zeit des Jahres muß der Münchner damit zubringen, Japanern und anderem Gelichter den falschen Weg zum Hofbräuhaus zu zeigen und vor sich hin zu granteln, weil der Japaner nichts versteht. Wenn dem Münchner mal wieder alles zuwider ist, macht er einen Plan, einen Bauplan. Ein, zwei, drei, viele Museen hätte er gern, eins für Bayerische Geschichte, eins für die Kunst des 20. Jahrhunderts, eins für Lothar Günther Buchheim, weil der sonst seine Expressionisten nicht hergibt.

Große Aufgaben für große Baumeister, aber wo wären die, nachdem der allergrößte sein München verlassen hat? Seine Staatskanzlei hätte alles in den Schatten stellen können, was vor ihm die Ludwigs und Luitpolds in Auftrag gegeben haben. Nur regieren heute nicht mehr die Duodezfürsten, sondern die Kulturdezernenten. Die aber bauen wie die Könige.

Annähernd zwanzig Jahre vergingen zwischen der Ausschreibung und der Eröffnung der Neuen Pinakothek, die einmal dazu gedacht war, die neueste Kunst aufzunehmen. Als der Bau feierlich eröffnet wurde, stellte man augenreibend fest, daß für die Moderne kein Platz mehr war, daß sie weiter im Keller überwintern muß. Nach jahrelangem Hinundherüberlegen gab der bayerische Ministerrat letzte Woche den kühnen Entschluß bekannt, direkt neben dem Haus der Kunst bauen zu wollen. Daß dann kein Geld mehr übrigblieb für Buchheims Expressionisten – Pech!

Was die Bildende Kunst dringend braucht, kommt der Literatur gerade recht. Da hat man sich aus Hamburg den dort erfolgreichen Reinhard Wittmann verschrieben, damit der ein weltstädtisches Literaturhaus aufzieht. Das braucht es zwar nicht, aber warum sollte man nicht auch bauen, wenn die anderen schon alle eins haben? In der herzigen Weltstadt summt und brummt es wegen dieser Gschaftlhuber-Heimstatt, daß es eine wahre Provinzposse ist. Plötzlich gibt es einen "Literaturhaussprecher", mehrere Modelle konkurrieren futterneidisch um die locker sitzenden Subventionen. Der Kulturreferent, den man sich aus Saarbrücken hat kommen lassen, begrüßt dieses Rennen um die verschiedenen Konzepte mit Worten, die es verdienen, in Marmor gemeißelt zu werden: "Es ist ein Zeichen modernen Kulturmanagements, daß man niemals nur seinen eigenen Weg beschreitet, sondern unterschiedliche Wege, die zu demselben Ziel führen, bereithält." Vielleicht sollte für diesen Kultur-Bereithalter im fertigen Literaturhaus gleich ein Schnellkursus angeboten werden, Titel: "Wie mache ich mich unverständlich und trotzdem wichtig?"

In München, wo spätestens seit der Olympiade 1972 so gut wie jeder handtuchkleine Grünstreifen zugebaut worden ist, bricht plötzlich wieder die Bauwut aus. Notfalls muß man eben ein Stück weit in den Englischen Garten hinein für das Museum moderner Kunst. Notfalls müssen halt in Schwabing wieder ein paar Wohnungen umgewidmet und die übrigen noch teurer werden. Notfalls bauen wir erst mal, dann sehen wir weiter.

Auf München, das allenfalls noch in der Langnese-Werbung Thomas Manns Vorschrift folgt und leuchtet, paßt neuerdings eher ein anderes güldenes Wort. Gustav Meyrink, der Erfinder des "Golem", wußte wenig Freundliches über diese Stadt zu sagen: "München ist eigentlich eine gigantische Sennhütte, nur gut, um von dort Abstecher in die Berge zu machen." Wenigstens die Sennhütte braucht nicht mehr gebaut werden.

Willi Winkler