Salman Rushdie ist noch nicht tot, aber der Streit, der gegenwärtig um die deutsche Veröffentlichung seines Romans "Satanische Verse" tobt, tut so, als wäre er tot. Die Frage, ob man Rushdie mit einer bruchstückhaften Publikation der von den Moslems inkriminierten Stellen schadet, spielt keine Rolle mehr. Es geht nämlich um unsere Meinungsfreiheit. Die Frage, ob man das letzte Recht, das dem vogelfreien Autor noch geblieben ist, nämlich das Recht an seinem geistigen Eigentum, verletzen dürfe, scheint vielen Intellektuellen und Publizisten in diesem Land offenbar unerheblich. Es geht nämlich um die Chance, Mut demonstrieren zu können. Und die Frage, ob es einem Verleger erlaubt sei, die Lebensgefahr seiner Angestellten und die eigene gegen die unbestritten notwendige Publikation des Romans ins Feld zu führen, ist längst geklärt: Er darf es nicht. Denn es geht um ein Prinzip. Und da dürfen Menschenleben schon mal riskiert werden.

Hans Magnus Enzensberger sagte im Fernsehen: "Ich muß sagen, daß ich für einen Verleger, der so handelt, nur Verachtung übrig habe." Ein vernichtender Satz. Gerichtet war er gegen Reinhold Neven Du Mont, den Chef von Kiepenheuer & Witsch in Köln, der die deutschen Rechte für die "Satanischen Verse" besitzt. Als Chomeini sein Todesurteil gefällt, als er verkündet hatte, nicht nur Rushdie müsse sterben, sondern jeder, der das Buch verbreite, erklärte Neven Du Mont, er werde von einer Veröffentlichung absehen. Später sagte er, man wolle die Publikation "einstweilen aussetzen", um eine Möglichkeit zu finden, das Buch unter anderen, weniger gefährlichen Bedingungen herauszubringen: Wieder später erklärte der Verlag, der Roman könne nun erscheinen: unter der Verantwortung mehrerer namhafter deutscher Verlage und herausgegeben von einer großen Anzahl von Schriftstellern und Publizisten.

Verantwortliche Mitarbeiter des Verlags versichern glaubhaft, sie hätten niemals die Veröffentlichung unterlassen oder verhindern wollen. Zu keinem Zeitpunkt sei die Arbeit an der Übersetzung unterbrochen worden. Sie hätten nicht daran gedacht, die Rechte zurückzugeben und aller Sorgen ledig zu sein. Man habe bloß Zeit gewinnen wollen und habe sich dazu auch im Recht gefühlt, weil eine sofortige Publikation des für den Herbst vorgesehenen Romans ohnedies unmöglich sei. Was an dieser Haltung ist verwerflich? Es ist wahr: Der Verlag hat verwirrende, widersprüchliche und mißdeutbare Erklärungen abgegeben. Aber wer hätte nicht das Recht, von solchen Umständen verwirrt zu sein?

Die Umstände waren und sind riskant. Der Polizeipräsident von Köln hat dem Verlag mitgeteilt, die Todesdrohung sei "sehr ernst" zu nehmen. Es gebe eine große Anzahl unaufgeklärter Gewaltverbrechen aus dem Umkreis der Moslems. Die Polizei sei nicht im Stande, die Sicherheit der Verlagsangestellten zu garantieren. Mitarbeitern wurde empfohlen, ihr Auto nicht mehr vor ihrer Wohnung zu parken. Kriminalbeamte inspizierten das Verlagsgebäude, empfahlen den Einbau von Stahlplatten und Panzerglas, erklärten aber zugleich, das Haus sei letztlich nicht schützbar.

Wer darf den solchermaßen in Angst und Schrecken versetzten Angestellten vorwerfen, daß sie zuerst an ihre eigene Haut dachten und dann erst an die "Satanischen Verse"? Wer darf sagen, Mut zeige sich bloß im schneidigen Auftreten eines Enzensberger – und nicht auch bei dem, der sich beklommen ein Herz faßt?

Wieder wird klar, wie sehr die Mediengesellschaft den sozialen Umgang deformiert. Der Schein hat endgültig über das Sein gesiegt. Es kommt nicht darauf an, Mut zu haben, sondern Mut zu zeigen. Es wird nicht die Tugend verlangt, sondern die Performance von Tugend. Neven Du Mont hat nicht begriffen, daß im Augenblick der Sensation, da alle Scheinwerfer leuchten und alle Kameras klicken oder surren, nicht gramvoller Zweifel, nicht die objektive Aporie gezeigt werden darf, sondern daß lediglich der gelungene Auftritt zählt. In einem Zeitalter, da Schauspieler Präsidenten werden, ist jeder, der kein Schauspieler ist, der geborene Verlierer.

Und dann kam die taz, die von allen geliebte tapfere kleine tageszeitung, suchte die Stunde der Bewährung und fand sie, brachte einen Raubdruck der inkriminierten Stellen und wird seitdem nicht müde, sich tagtäglich von neuem mit Ruhm zu bekleckern. Die taz hatte die in der Tat plausible Idee, die drohende Publikationsverhinderung dadurch zu unterlaufen, daß die überregionalen Zeitungen gleichzeitig und gleichlautend die sogenannten "Stellen" veröffentlichten. Es hatten die folgenden Zeitungen zugesagt, sich an der Aktion zu beteiligen: stern, ZEIT, FAZ, Süddeutsche, Frankfurter Rundschau. Neven unterstützte ausdrücklich das Projekt, sagte aber, Rushdie habe sich vorbehalten, solche Vorabdrucke und Teilabdrucke selber zu genehmigen. Er müsse also den englischen Agenten informieren. Am Montagabend, kurz vor Redaktionsschluß der ZEIT, ließ der Agent mitteilen, Rushdie untersage die Veröffentlichung isolierter Passagen. Es bestand zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt dieses Vetos zu überprüfen. Daraufhin ließen alle Redaktionen von dem Projekt ab, mit Ausnahme der taz.