Stuttgart

Das Strickmuster stammt vermutlich aus einem Lore-Roman. Reumütiger Held kuschelt sich an den gewölbten Leib der Maid, die er geschwängert hat. „Vor sechs Monaten wollte er abhauen“, steht darüber. Tränen, Gewissensbisse, tapfere Entschlüsse, liebevolle Versöhnungsszenen, das darf sich der Betrachter dazudenken. Ein Werbeplakat für ein Rührstück à lä Courths-Mahler? Mitnichten. Der runde Bauch soll schwangere Frauen dazu animieren, ihr Kind auszutragen.

Hinter der Werbekampagne für das Kind steht das Land Baden-Württemberg, 6,2 Millionen Mark aus dem Staatssäckel und ein seltsamer Kompromiß. Beim Parteitag der baden-württembergischen CDU 1987 hatten die „Christdemokraten für das Leben“, die besonders im katholischen Oberschwaben stark vertreten sind, auf eine Verschärfung des Paragraphen 218 gedrungen. Lothar Spät, wohl wissend, daß er, selbst wenn er wollte, für ein solches Unterfangen keine Mehrheit bekommen würde, wiegelte ab und bot einen Kompromiß an: Die Landesregierung werde für ein kinderfreundliches Klima im Land sorgen, durch eine Werbekampagne. Und er versprach noch mehr: man werde dafür genausoviel Geld ausgeben wie für die Aids-Aufklärung.

Doch wie wirbt man für das Kind? Nun, man sucht eine Werbeagentur – und untersucht, bevor es losgeht, den Markt, das gilt offenbar für Babies genauso wie für Zigarettenmarken. Die Landesregierung beauftragte das Institut für Demoskopie Allensbach mit einer Meinungsumfrage – und die lieferte denn auch interessante Ergebnisse. 68 Prozent der Baden-Württemberger, die älter sind als 15 Jahre, meinen, man sollte etwas tun, damit nicht jedes Jahr in der Bundesrepublik 200 000 Kinder abgetrieben würden. Aber für eine Änderung des Paragraphen 218 gibt es keine Mehrheit. 46 Prozent sind dafür, daß die gegenwärtige Indikationsregelung beibehalten wird, 26 Prozent sind für eine Fristenregelung. Nur 22 Prozent verlangen eine Verschärfung des Paragraphen 218. Junge, unverheiratete Männer haben wegen eines Abbruchs weniger Skrupel als gleichaltrige Frauen, und Leute, die mit Kindern wenig zu tun haben, tolerieren eine Abtreibung eher als kinderer’ahrene Menschen. Fazit der Untersuchung: „Nicht Kinderfeindlichkeit, sondern Entfremdung von Kindern kennzeichnet die heutige Situation.“

Nun, das soll sich ändern. Wahre Wonneproppen werden in den nächsten Wochen von den Filmleinwänden in den Kinos und aus den Zeitungsspalten lachen und den Leuten Lust auf Kinder machen. „Mutti und ich haben es allein gesciafft“, steht da zum Beispiel, und der Anzeigenteil erzählt die Geschichte von einer Frau, die von einem verheirateten Mann ein Kind bekam. Das Kind ist jetzt neun Jahre alt. „Mutti wollte mich“, staunt es entzückt in der Anzeige, und selbstverständlich ist auch der Vater immer für das Kind da. Die junge Frau, die die Alimente für ihr Kind vom Jugendamt einklagen lassen muß, wird es mit Rührung lesen.

Die Werbung für das Kind wird nicht nur von Anzeigen und Plakaten getragen. Die „Initiative – Mit Kindern leben“, die die Kampagne trägt und der unter anderem der Stuttgarter Oberbürgermeister und der Evangelische Landesbischof argehören, hat ein Sorgentelephon für künftige Eltern eingerichtet und zwei handliche Broschüren herausgegeben, die überall verteilt werden sollen. „Ungewollt schwanger“, heißt die eine, und „ungewollt Vater“ die andere. Denn nicht nur die Mütter, auch die Eltern, die Vermieter, die Arbeitgeber und vor allem die Väter sollen an ihre Verantwortung für das Kind erinnert werden.

Den Vätern in spe werden Geschichten von Männern, die in der gleichen Lage sind, erzählt. Ener zum Beispiel kann da plötzlich heulen – „Der Knoten war gelöst“. „Man(n) kann seine Planung ändern“, steht über einem Bild, das sinnigerweise eine Großmutter mit Enkelkind zeigt. Und natürlich gibt es auch praktische Tips für den werdenden Vater. „In den eigenen vier Wänden ist es oft schwierig – gerade wenn man sich schon länger kennt – ‚mit Abstand‘ und ruhig über ein schwieriges, persönliches Thema zu sprechen. Machen Sie lieber einen Spaziergang oder laden Sie Ihre Partnerin zum Essen ein“, heißt es fürsorglich. Das mag manches Paar, das vergeblich eigene vier Wände sucht, ein wenig zynisch finden.