Der Erfolg privater Betriebe stört Bürger und Bürokraten

Von Maria Huber

Sieben Kilo wog die große Aktentasche. Ein 32jähriger Ingenieur stellte sie im Parteibüro seines Moskauer Instituts für Planung und Konstruktion ab. Was er anschleppte, war nicht unterwegs zufällig erworbene Mangelware wie Waschpulver, gute Kartoffeln oder eine Schreibmaschine. In der Tasche befand sich Geld.

Der Mann lieferte seinen Mitgliedsbeitrag an die Partei ab, pünktlich und ehrlich: 90 000 Rubel für den Januar, exakt soviel wie bei seinem Monatseinkommen von drei Millionen Rubel fällig war. Ein Kommunist, wie er im Buche steht? Zumindest, was die Ehrlichkeit betrifft. Seine Millionen aber verdient er privat: als Vorsitzender einer Kooperative.

Leute wie der Ingenieur sind jedoch in Moskau ins Gerede gekommen. Sie provozieren bei vielen Sowjetbürgern die Frage: Wird das bisher einzig greifbare Produkt der Perestrojka – die Geschäftsgründungen auf genossenschaftlicher Basis – eine unkontrollierte Privatwirtschaft? Nicht wenige argwöhnen, individuelle Bereicherung sei der einzige Zweck der Kooperativen. Mit ehrlicher Arbeit kann nach landläufiger Meinung kein Mensch viel Geld kassieren; große Gewinne erzielen, so Volkes Stimme, nur Spekulanten und Preistreiber.

Daß die Preise dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgen sollen, gehört nicht zum russischen Glaubenskodex. Durchaus populär sind hingegen Vorschläge, Ausgaben und Einkommen der Bürger zu kontrollieren. In der Kampagne für die Wahlen zum neuen Volkskongreß ist Michail Paschkin, Kandidat eines Moskauer Stadtbezirks, nicht der einzige, der fordert, alle Erwerbstätigen sollten ein Einkommensbuch führen. Beim Kauf von teuren Waren (mehr als 200 Rubel) müsse die Herkunft des Geldes nachweisbar sein. Eine solche Prozedur wäre für die Kooperativen das sichere Todesurteil, das viele wünschen. Doch niemand braucht es zu fürchten. Die Sowjetökonomie kann ohne die genossenschaftlich organisierte Privatinitiative kaum in Schwung kommen.

Gegenwärtig gibt es in der Sowjetunion mehr als 47 000 Kooperativen, die 770 000 Menschen beschäftigen. Die Produktion von Waren für den täglichen Bedarf gehört noch zu den Ausnahmen. Überwiegend werden Dienstleistungen offeriert: Heiratsvermittlung, Vermietung westlicher Limousinen als Hochzeitskarossen, Wohnungstausch, Kinderbetreuung, Familientherapie, Kosmetik und Gymnastik, Entziehungs- und Schlankheitskuren, juristische Beratung, Kammerjäger gegen Küchenschaben, Hunde- und Katzenpflege.