Von Matthias Horx

Neulich kam F. aus New York zurück. Sie war sehr stolz auf ihr jet lag. Sie hatte diesen eigentümlichen Glanz in den Augen, der Menschen befällt, die auf irgendeine Art und Weise die Wahrheit gesehen haben. Dabei verlief ihr New York-Aufenthalt völlig normal. In dem abenteuerlichen Hotel im East Village, wo sich F. für drei Monate einquartiert hatte (ein riesiger, rostiger Ventilator an der Decke, zwei echte Einschußlöcher in der Wand, ein Hinterhof vor dem Fenster, der selbst Philip Marlowe depressiv gemacht hätte, fünfzig Dollar pro Nacht im voraus), nahm ihr ein Chicano gleich am ersten Tag das Geld ab. Auf dem Flur, mit gezücktem Messer. Der Portier zuckte die Achseln. Am fünften Tag entging F. nur knapp einer Vergewaltigung. „Die Taxifahrer weigerten sich“, berichtete F. begeistert, „mich bis vors Hotel zu fahren, so gefährlich war die Gegend.“

An F’s Rückkehr wäre eigentlich nichts weiter zu bemerken. Auf jeder Party trifft man derzeit Damen und Herren, die von der Stadt aller Städte über alle Maßen schwärmen. Diese Geschwindigkeit! Dieses kochende Vielvölkergemisch, das wahnwitzige kulturelle Leben, die „Dainämik“ (an der Aussprache sollt ihr sie erkennen)! Lustvoll berichtet man vom Appartement, in dem man ein paar Wochen bei Freunden verbrachte, 24 Quadratmeter für tausend Dollar, Kakerlaken inklusive, begeistert preist man die ungehemmte Aggressivität, ihr darwinistisches Flair. „Wer einmal mit wachen Augen durch die South Bronx geht“, schwärmte neulich der bekannte Galerist M., „der weiß, was der Mensch ist. Eine ungeheuer ehrliche Stadt. Nicht diese graue sozialdemokratische Schminke, die hierzulande alles übertüncht.“

Zu bemerken wäre höchstens, daß F. zu jenen gehört, die vor fünf Jahren bei der Erwähnung des Namens „New York“ noch in finsteres antiimperialistisches Schweigen verfielen. Wenn wir uns recht erinnern, hielt sie vor zehn Jahren noch jede größere Stadt für ein Sündenbabel. Hochhäuser haßte sie. Hektischer Straßenverkehr war ihr ein Graus. Eine Zeitlang lebte sie auf dem Land. Täuschen wir uns? Oder gehörte auch M. zu jenem Lager, in dem Luxus und Neonlicht damals garantiert empörte Invektiven provozierte, die das unentfremdet Dörfliche als Lebensstil propagierte, und wo andauernd davon geredet wurde, aus diesem entsetzlich kalten Deutschland auf eine subtropische Insel auszuwandern?

Heute gilt selbst Frankfurt als Möchtegerngroßstadt. Lächerlich, sagt F., die paar Fixer am Bahnhof, die schnorren doch nur.

Ein Mann verliert sein Gedächtnis: Seit Woolrichs „Schwarzem Vorhang“ ein geradezu klassischer Roman- oder Filmbeginn. Der Mann, aus dessen Sicht Udo Oskar Rabschs Roman „Tazacorte“ erzählt ist, hört auf den Namen Schmidt. Viel mehr erfährt man nicht von ihm, bis zum Schluß nicht. Schmidt ist innerlich vollkommen leer. Alles kreist um ein einziges Wort, eine einzige Vision: New York.

New York ist Schmidts fixe Idee. Er ist auf einer subtropischen Insel gestrandet, einer morbid-fruchtbaren Hölle, die ihm irgendwie bekannt vorkommt. „Die Apfelsinen hingen zentnerweise an den Bäumen. Genauso die Avocados. Auch die Bananenstauden sonderten ihre Früchte ab, als wäre es grüne Scheiße.“