Wir wissen, daß Rabsch im Hauptberuf Arzt ist, einer jener seltenen Ärzte, die auf Leiden und Tod noch sensibel reagieren. In dem Stuttgarter Randbezirk, wo seine Praxis liegt, ist er dafür bekannt, daß er noch Hausbesuche bei den Kranken macht. "Im Wartezimmer der übliche Bienenstock von Menschen, die an der Süße des Leidens arbeiten", heißt es in "Tazacorte".

Es heißt auch, Rabsch hätte längere Zeit auf der Krebsstation eines Stuttgarter Krankenhauses gearbeitet. Spätestens dort muß ihn die abgrundtiefe Melancholie eingeholt haben, die sich durch alle seine Bücher zieht, eine thanatologische Schwermut, die praktisch jedem seiner Sätze "finale Schwere" verleiht. Seine Helden sind zerschunden, todkrank, sie tappen an Abgründen entlang, sie sind schon erledigt, ihr Erleben ist ein letztes Delirieren. Vielleicht mag man deshalb seine Bücher nicht lesen. Weil in ihnen geheult und geschrieben wird gegen den täglichen Tod, über unser Dunklerwerden von Minute zu Minute. "Der Mensch ist keine Blume. Der Mensch ist ein armes Schwein, weil er bei lebendigen Sinnen verfault", sagt der schiffbrüchige Schmidt in "Tazacorte".

Wir wissen von Oskar Udo Rabsch, daß er sich vor Jahren ein Haus gemietet oder gekauft hat, 2000 Kilometer von der Bundesrepublik entfernt, dort, wo F. und der Galerist M. regelmäßig dem tristen Winter zu entkommen trachten: auf der üppigen Kanareninsel La Palma. Der Ort Tazacorte ist tatsächlich auf der Karte dieser Insel verzeichnet, und tatsächlich gibt es auf diesem vulkanischen Eiland jene deutschen Lehrerinnen und Künstler, Zivilisationsflüchtlinge und Grübler, die sich den alten Traum vom Aussteigerleben erfüllen wollten. "Zur Zeit", sagt Northeim, eine der Figuren in "Tazacorte", "ist es immer noch Mode, hier zu sein. Aber ich war schon auf der Insel, bevor es schick wurde. Daß ich Europa verlassen habe, hatte geschichtliche und ästhetische Gründe, hauptsächlich ekelte ich mich, wenn ich ehrlich bin. Ich wollte weit genug entfernt und nahe genug dran sein, um seinen Untergang zu erleben. Ich ging davon aus, daß es einen kontinentalen Feuersturm geben würde, und ich muß eingestehen, ich habe mich getäuscht."

"Die Seele ist ein Gummibärchen unter den Sternen", heißt es an anderer Stelle. Und selbst das meint Udo Oskar Rabsch vollkommen ernst.

  • Udo Oskar Rabsch:

Tazacorte

Konkursbuch Verlag, Tübingen 1988; 312 S.; 29,80 DM