Notizen vom Familientag eines unverwüstlichen Geschlechts

Von Heinrich von Tiedemann

In Bonn findet im April ein internationaler Kongress statt. Sein Motto: „Familie ist Zukunft“. Und in der Einladung heißt es zündend: „Wir wollen nicht schweigen, nicht abwarten, sondern handeln – für die Familie!“ So wollte ich denn auch nicht weiter abwarten und schweigen, sondern handeln. Die günstige Gelegenheit ergab sich kürzlich in einem kleinen Hotel im Odenwald. Die freundliche Dame am Empfang kannte mich zwar nicht, nannte mich aber gleich beim Vornamen, denn unter demselben war ich im Anmeldungsformular schon eingetragen; kein Wunder, verschaffte mir doch der Zuname erst das Privileg, an diesem Wochenende in die Gästeliste aufgenommen zu werden. Das Haus war voll besetzt, ausschließlich mit Leuten, die in irgendeiner, oft reichlich verschlungenen Weise ihre Abstammung auf einen im ausgehenden 14. Jahrhundert in einer östlichen Hansestadt lebenden Mann zurückführen können oder wollen.

Auch ohne große Kenntnis in der Potenzrechnung läßt sich vermuten, wie viele das heutzutage sein müßten, selbst wenn man die in 600 Jahren aufgetretenen Unfälle wie Kriege, Seuchen, Unfruchtbarkeit, Eheunwilligkeit etc. mit einkalkuliert. Am Stammvater hat es sicherlich nicht gelegen, daß die Zahl seiner gegenwärtigen noch existierenden Nachkommen so bescheiden ist. Doch immerhin, auch daran zeigt sich das wechselvolle Auf und Ab der europäischen Geschichte, die Restfamilie ist mobil geblieben; die Nummernschilder an den zahlreichen, auf dem Hotelparkplatz abgestellten Automobilen beweisen es.

Die erste Begegnung findet noch im Foyer statt. Geschwister, die sich lange nicht gesehen haben, umarmen sich, nicht ohne prüfenden Blick. Der Bruder ist plötzlich (?) kahl geworden und sieht erwachsen aus. Die Nase, mein Gott, die ist ja vom Urgroßvater mütterlicherseits, überliefen von der alten Daguerreotypie, die im Elternhaus hing (wer hat sie eigentlich geerbt?). Schlanker sei man eigentlich auch nicht geworden, meint eine der älteren Schwestern, die – das tröstet – nun auch graue Strähnen zeigt. Ja, die Ähnlichkeit! Ein winziger Enkel wird vorbeigetragen. Die angeheiratete Mutter ist glücklich: Weder die abstehenden Ohren noch der Vorbiß der väterlichen Linie scheinen bei ihm angedeutet zu sein.

Plötzlich kahl geworden

Ein älteres Ehepaar sucht Kontakt. Niemand glaubt die beiden zu kennen. Ihr Name, leicht ausländisch verfremdet, aber doch dem der Familie nicht unähnlich, weckt Mißtrauen. Eine genealogisch bewanderte Tante wird zu Rate gezogen. Tatsächlich, es bestehen Blutsbande, wenn auch nur sehr dünne. Man wird sich in den nächsten zwei Tagen näher damit beschäftigen müssen. Schließlich soll keiner ungerechtfertigt ausgegrenzt werden.