Von Martin Durm

Es muß schon eine ziemlich bedeutende Delegation sein, die an diesem Morgen den Bahnsteig 9 des Stuttgarter Hauptbahnhofs blockiert. Ein Fernsehteam hat Lampen aufgebaut, Passanten verscheucht und ein paar raumgreifende Kameraschwenks vollführt. Gerade wird ein älteres Delegationsmitglied interviewt. Der Herr schwitzt fürchterlich unter der Halogenleuchte, aber beim zweiten Dreh gelingt ihm dann doch der tadellose Satz: "Wir protestieren in Bonn gegen die Streckenstillegungspläne der Bundesbahn." Ob das ein Prominenter sei, will eine ahnungslose Zugreisende wissen. Und wie sie erfährt, daß es sich um den Bürgermeister von Loßburg handelt, geht sie kopfschüttelnd weiter. Loßburg? Wo liegt Loßburg?

Zugegeben, der Aufwand, der hier betrieben wird, mag etwas überzogen wirken. Fünfzehn Bürgermeister aus Baden-Württemberg bauen sich vor einer fauchenden E-Lok auf und geben wütende Statements ab. Walter Schmid, der Bürgermeister von Loßburg im Schwarzwald, ist "bitterböse", weil ihm die Bundesbahn die Nebenstrecke Eutingen-Freudenstadt-Horb wegnehmen will. Und sein Kollege Pawel wird in Bonn "ganz energisch" gegen das Stillegungsverfahren Göppingen-Bad Boll protestieren. Schließlich hätten es die Regierenden zu verantworten, wenn die ländlichen Regionen vom Schienennetz der Bahn abgekoppelt würden. Deshalb, sagt Pawel, müsse man mit den Verkehrsexperten der Regierungskoalition mal Tacheles reden: So könne das ja nicht weitergehen.

Abfahrt nach Bonn, 10 Uhr 8, Gleis 9. Die Bürgermeister besetzen drei Abteile in der ersten Klasse. Für ihren Auftritt in der Bundeshauptstadt sind sie bestens präpariert: Dunkler Anzug, auf den Gepäckstangen stapeln sich schwarze Aktenkoffer. Später, in zwei, drei Stündchen, kann man ja immer noch ein bißchen in den Unterlagen blättern. Die Bürgermeister knöpfen die Jacken auf, strecken die Beine aus. Mit einem sanften Ruck löst sich der Intercity Drachenfels vom Stuttgarter Hauptbahnhof. Gut zu wissen, daß man von seinem IC-Team im Speisewagen "gerne erwartet" wird. Obwohl das doch gar nicht nötig wäre, die Bürgermeister haben schließlich vorgesorgt.

Der stellvertretende Ortsvorsteher einer kleineren Gemeinde aus dem Schwäbischen mampft zufrieden ein Wurstbrot. Sein Sitznachbar übt sich derweil in langer Rede. Er beklagt die Lippenbekenntnisse der Politiker ("Die besuchen uns doch bloß vor den Wahlen"), verurteilt den verkehrspolitischen Ausverkauf ganzer Regionen, fordert von der Bundesbahn, sie müsse die Grundversorgung der ländlichen Räume garantieren: trotz ihres Schuldenberges von 50 Milliarden! Da nicken sie alle im Abteil, bis auf den jungen Mann am Fensterplatz, der mit seiner karierten Hose ohnehin nicht so recht in die Runde paßt. Irgendwann schreit der "This is Heidelböög" und stürzt hinaus. Mannheimer Hauptbahnhof, 10 Uhr 27. "Absolute Fahrplan treue", lobt Dr. Schnabel vom Landratsamt Böblingen.

Die Stimmung steigt. Jetzt sind die Bürgermeister bei der Bundespolitik. Sie kramen die Tageszeitungen aus den Aktenkoffern hervor und rufen sich Stichworte zu. "Co op" zum Beispiel. Auch so eine Geschichte, sagt Kurt Dörr aus Dettenhausen. Wie mit der Neuen Heimat, da werde doch massenweise Geld verschleudert und verschoben. Der stellvertretende Ortsvorsteher einer kleineren Gemeinde aus dem Schwäbischen beteuert, daß es bei ihm im Dorf schon lange keinen co op mehr gebe – die Erleichterung ist ihm anzusehen. Kurt Dörr ärgert sich inzwischen schon über die Rüstungspolitik. Millionen, Milliarden würden die in Bonn für ihre Tornados rauspulvern. Mit dem Geld, schimpft er, könne man sämtliche Gemeinden Baden Württembergs ans Intercity-Netz anschließen. Er rechnet vor: Zwischen Odenwald und Bodensee habe die Bundesbahn innerhalb von sieben Jahren dreißig Schienenstrecken abgebaut. Neun weitere stünden auf dem Stillegungsplan. "Das kann man so nicht hinnehmen", sagt Kurt Dörr. Es klingt wie eine Kampfansage.

Ob die in Bonn eigentlich wissen, was da auf sie zurollt? Fünfzehn Schultheißen aus Baden-Württemberg knöpfen sich die Jacken zu und klettern aus dem Abteil. Aber da stehen keine Parlamentarier auf dem Bahnsteig, da warten keine Limousinen, niemand ist zum Empfang angetreten. Nur ein ausländischer Gepäckträger bietet seine Dienste an.