Travemünde: Pharisäer gegen Frühjahrsstürme

Von Wolfgang Boller

Das Hotel ist vor allem und über allem. Der Koloß von Travemünde steht über der Küste wie eine unheildrohende Wolkenwand – ein Tafelberg an der Lübecker Bucht, ein größenwahnsinniger Betonbaumkuchen. So hat man einmal gebaut an der Waterkant, als gelte es, dem Mächtigen Machtigeres entgegenzusetzen: der tobenden See eine Trutzburg der Zivilisation, der innerdeutschen Grenze ein Symbol der Grenzenlosigkeit.

Das Hotel gleicht einem Theaterprospekt in der Dramatisierung einer Kafka-Erzählung. Es steht zwischen Travemündung und Ostsee auf einem Uferbuckel, den die Einheimischen „Knust“ nennen. Das Monstrum ist zwischen allem und hinter allem. Seine schier unfaßlichen Konturen degradieren die kleinteilige Küstenlandschaft zum maßstabgerechten Modellgartchen, das Steilufer zum Maulwurfshügel, die Binnenseen zu Pfützen, die Ozean-Liner zu Spielzeugschiffen. Die obersten Etagen überragen den kupfergrünen Turm von Sankt Lorenz, noch die höchsten Schornsteine und Mastspitzen um das Doppelte und Dreifache.

Das putzige Seebad Travemünde mit seinen Giebelhäuschen und Passagen duckt sich vor, versteckt sich hinter ihm. Das Hotel beherrscht den Strand, die Strandpromenade, die Bucht. Es hat die Meerwasserschwimmbäder mit Kurmittelabteilung, die Kurverwaltung, Ladenzeilen und Restaurants an sich gezogen und das Leuchtfeuer mit dem typischen Signal gleich einer Feder an seinen Hut gesteckt. Das Hotel ist Kongreßherberge, Ferienresidenz, Schönheitsfarm, Schlemmerlokal, Bierstube, Kegelbahn, Nachtbar und Tanzsalon. Und es ist mit annähernd einem Viertel aller Travemünder Gästebetten, Ferienwohnungen und Fremdübernachtungen das neue Travemünde.

Das Hochhaus stand nicht über Nacht auf dem Knust. Der Konstruktion sind Argumente, Überzeugungen und politische Entscheidungen vorausgeeilt. Der langjährige, seit einiger Zeit pensionierte Kurdirektor Horst Fuchs bricht Ressentiments gegen das Hotel mit einem Satz die Spitze ab: „Ohne dieses Haus hätte der Fremdenverkehr in Travemünde keine Zukunft mehr gehabt.“ Fuchs erinnert an die Leistungsfähigkeit der Travemünder Hotellerie vor 20 Jahren. Einmal sollte eine Gruppe von 163 Gästen in einem Haus untergebracht werden. Gewünscht waren Zimmer mit Bad oder Dusche/WC. Zur allgemeinen Verblüffung stellte sich heraus, daß ein solches Haus in Travemünde nicht existierte. Und als beschlossen wurde, die Besucher dann eben auf verschiedene Hotels zu verteilen, kam ans Tageslicht, daß es im ganzen Städtchen so viele Zimmer mit der gewünschten Ausstattung gar nicht gab.

1973 wurde das Hotel auf dem Knust eingeweiht. Im Inneren ist es ja sehr behaglich und komfortabel, mit sanfter Beleuchtung und summenden Liften: eine ins Vertikale gehievte Stadt für maximal 3000 Bewohner (abermals ungefähr ein Viertel von Travemünde), eine unvergleichliche Ferienresidenz in 35 Stockwerken über dem Meer, über Trave und Strand, auf dem sich nach den Stürmen des Winters noch immer die Spuren der Sandburgen abzeichnen.