Hector Berlioz: „Symphonie fantastique“

Nach der Entrüstung darüber, daß die Historisierungswelle mit (klassischem) Originalklang-Instrumentarium nun bereits aufs „romantische“ Gehege überschwappt, befällt einen beim Hören prompt der Ärger: Wer soll, den Schrank voll mit mustergültigen Aufnahmen der genialen Partitur, auf dieses ausgedünnte, zumindest umgekrempelte Produkt reagieren. Abqualifizieren fiele da leicht, besäße die Aufnahme nicht so etwas wie eine Drogenwirkung, die einen unwiderstehlich zum Wiederhören zwingt. Ist das noch das gleiche Stück? Sicher nicht, wenn man sich der Mühe unterzieht, die Einspielung von Roger Norringtons Ensemble „The London Classical Players“ mit allen gängigen Aufnahmen des Katalogs zu vergleichen, Takt für Takt. Eine Offenbarung: Was schon an den Beethoven-Einspielungen des in seinem Karriereverlauf gänzlich unorthodoxen Dirigenten so eindringlich wie bestechend ist, wird noch viel mehr an Berlioz’ genialer, nur zwei Jahre nach Beethovens Tod komponierter Musik exemplifiziert: Neuorientierung an den Quellen, Abschütteln des durch Wagner aufgeputschten Fettklanges, minuziöses Austüfteln von Artikulation, Dynamik und Phrasierung, Veränderung der Orchesteranordnung (gemäß der im 19. Jahrhundert üblichen) und Besetzung (je vier Harfen und Fagotte, zwei Ophikleiden), schließlich die notorische Abweichung vom üblichen Kammerton (ä-435 Hz). Selbst einschlägige Tempoauffassungen hat Roger Norrington neu überdacht. Sein frisches, so energisches wie behutsames Musizieren weckt nachhaltige Begeisterung. Ein typisches Beispiel: das Gegeneinander von Leitmotiv (idée fixe), lyrisch-leidenschaftlich, und bedrohlich walzenden Bässen im Kopfsatz. Unzählige andere Neuheiten entdeckt der Kenner zuhauf. (EMI CDC 7 49541 2) Peter Fuhrmann

Green On Red: „Here Come The Snakes“

An jenen „Leichenwagen meiner Träume“, von dem Baudelaire einmal schrieb, erinnern hier viele der neuen Green On Red-Songs. Das sind akustisch umgesetzte Alpträume, durchaus realistische Gewaltphantasien, melancholische Abgesänge auf Amerikas junk culture zu denen der Blues-Mann Sugar Blue oft seine Harmonika-Begleitung bläst. Was die mittlerweile vom Quintett zum Duo (Sänger Dan Stuart und Gitarrist Chuck Prophet) geschrumpfte Band an morbiden Liedern musiziert, ist mit der „Sister Morphine“-Aura und den mal bluesigen und dann mal eher country-gefärbten Melodien flagranter Musik-„Klau“ und Hommage zugleich: an den Neil Young von „Tonight’s The Night“ und „Zuma“ zum einen und andererseits an die Rolling Stones von „Let It Bleed“, „Sticky Fingers“ und „Exile On Main Street“. Aus den Vorlagen haben Stuart und Prophet sozusagen die Essenz destilliert – oder wenn man so will: sie noch einmal neu erfunden. Wobei die sorgfältig ausgearbeiteten instrumentalen Details in krassem Kontrast zum meist sehr chaotischen Live-im-Studio-Rock ’n’ Roll-Sound stehen. Eine neumodische Hochglanz-Produktion ist das hier ganz gewiß nicht, die Computer prozessierten da nichts. Wenn eine Platte der letzten Zeit das Zeug zum Kult-Album hat, dann „Here Come The Snakes“. (Rough Trade RTD 85)

Franz Schöler