Von Rudolf Kahlen

Beim ersten Hinhören schien es eine herbe Niederlage zu sein. Hans Dieter Ritterbex, der Vorstandssprecher des Deutschen Herold, schaute mit versteinertem Gesicht hinüber zu Hans-Peter Greiser vom Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, als der Beamte die Entscheidung vorlas. Der Widerspruch des Herold-Versicherten Fred Kwast wurde als zulässig anerkannt. Die Szene spielte sich am Mittwoch vergangener Woche im kleinen Sitzungssaal des Berliner Aufsichtsamtes ab.

Der Bund der Versicherten hatte sich im Namen von Kwast gegen eine amtlich genehmigte Umstrukturierung des Bonner Assekuranz-Konzerns gewehrt, „weil sie zu erheblichen finanziellen Verlusten der Lebensversicherten des Deutschen Herold führt“ und rechtswidrig sei. Die für Verbraucherpolitik zuständigen Sozialdemokraten im Bundestag sprachen gar von einer „Enteignung der Versicherten“.

Der Fall: Bis Mitte vergangenen Jahres war die Lebensversicherung des Herold die Muttergesellschaft der Gruppe. Alle Gewinne der Tochterunternehmen kamen ihr zugute, sie mußte allerdings auch für Verluste geradestehen. Um ungestörter schalten und walten zu können, wandelten die Assekuranzstrategen in Bonn die alte Lebensversicherungsgesellschaft in eine reine Finanzholding um, die nicht der Versicherungsaufsicht unterliegt. Sie übertrugen den gesamten Bestand an Lebensversicherungspolicen auf die kurz zuvor gegründete Deutsche Herold Neue Lebensversicherungsgesellschaft, beließen aber einen Teil der Vermögenswerte bei der ehemaligen Lebensversicherung, der jetzigen Holding./Durch dieses Zurückbehalten von Vermögenswerten seien die Versicherten um rund 350 Millionen Mark geprellt worden, rechnete das Wirtschaftsmagazin Capital aus.

Die Beschlußkammer des Berliner Aufsichtsamtes wandte sich in ihrer jüngsten Entscheidung zwar nicht gegen die neue Konzernstruktur des Deutschen Herold, stellte aber grundsätzlich eines klar: Wer eine kapitalbildende Lebensversicherung abgeschlossen hat, dem steht später einmal nicht nur die vertraglich festgelegte Versicherungssumme zu, sondern auch ein Teil der erwirtschafteten Überschüsse. Und mehr noch: Sollten die zurückbehaltenen Vermögenswerte irgendwann veräußert werden, müßte die Herold-Kundschaft „anteilig an dem erzielten Veräußerungsgewinn“ abgefunden werden.

Nie zuvor ist das derart deutlich von einem Gremium des Aufsichtsamtes gesagt worden. Die Berliner Entscheidung ist für all jene Versicherer von Bedeutung, die ihre Unternehmensgruppe umstrukturieren wollen. Das sind derzeit vor allem die Volksfürsorge in Hamburg und die Düsseldorfer Victoria.

Die Beschlußkammer ließ den Konzernstrategen allerdings genügend Raum, die Entscheidung im Sinne des eigenen Hauses auszulegen. Die Manager können im Extremfall deshalb so taktieren, daß die Versicherten nach wie vor leer ausgehen.