An den Ausfallstraßen der senegalesischen Hauptstadt Dakar stechen die Zäune ins Auge, die das Vieh von der Straße halten sollen: pastellfarbige Plastikmatten, unregelmäßig durchlöchert, die mit Draht aneinandergeknüpft sind. Erst wenn man weiß, daß die Schuhfabrik Bata im Senegal produziert, erschließt sich die Herkunft des eigentümlichen Materials. Der Zaun besteht aus jenen Plastikbahnen, von denen unsere sogenannten "Badelatschen" geschnitten wurden. Das Thema "Recycling in der Dritten Welt" liegt buchstäblich auf der Straße. Jeder, der in Lateinamerika oder in Afrika jemals die Touristenpfade verließ, hat die Objekte schier universeller Wiederverwertbarkeit schon gesehen, mancher wird gestaunt haben über den Erfindungsgeist, mit dem etwa afrikanische Jungen kleine, lenkbare Autos aus Draht zusammenbauen oder über den sicheren Sinn für die effektvolle Inszenierung, mit dem Reflektoren ausgedienter Autoscheinwerfer am Fuße kolumbianischer Wegkreuze installiert sind — zum Gedenken an die Opfer tödlicher Verkehrsunfälle.

Zum ersten Mal aber sind jetzt Beispiele der findigen Umwandlung von überflüssig gewordenem Industriematerial auch bei uns anzuschauen: in der Stuttgarter Ausstellung "Aladins neue Lampe — Recycling in der Dritten Welt" (Institut Die opulentesten Stücke der Stuttgarter Ausstellung sind die Objekte aus Weißblech — nicht nur, weil sie am buntesten ausschauen und meist Schmuckstück oder Spielzeug sind, sondern weil sie ihre Herkunft am deutlichsten offenbaren. Die Kaffeeröstpfanne aus dem Sudan besteht aus einem kleinen Blechteller und hat einen langen Stiel, damit man sich die Finger über dem Feuer nicht verbrennt. Kein allzu spektakulärer Gegenstand also, wäre da nicht die englische Aufschrift im Boden des Tellers, die verrat, daß die Röstpfanne früher einmal ein Butteröl Behälter war — ein "Geschenk der Europäischen Gemeinschaft im Rahmen des Welternährungsprogramms".

Aus den Überresten einer längst verzehrten Nahrungsmittelhilfe stammt auch die Getreideschaufel aus Pakistan; sie ist aus der Metallverpakkung einer Spende "by the people of the United States of America" angefertigt. Ein kleines Döschen, ebenfalls aus Pakistan, ziert die Aufschrift "Konsum Feinkost", im Petroleumbehälter einer kleinen Lampe war früher "Exportbier der Meisterklasse" eingedost, und aus einer Tomatenmarkkonserve wurde in Marokko ein Aschenbecher.

Wandern Müllverwertungs Ideen von Kontinent zu Kontinent? Oder bewirken ähnliche Materialien, daß Tausende von Kilometern voneinander entfernt für das gleiche Problem die gleiche Lösung gefunden wird? So besteht ein afrikanischer Gewürzbehälter aus drei aneinandergelöteten Trockenmilchdosen holländischer Herkunft, die mit einem gemeinsamen Deckel fest verschließbar sind. Das pakistanische Gegenstück ist aus sechs dänischen "Carlsberg" Bierdosen gefertigt, ebenfalls mit nur einem Deckel, ebenfalls fest verschließbar.

Daß das Material seine Herkunft offenlegt — das ist ein Charakteristikum des Recyclings in der Dritten Welt; fast allen Objekten — Textilien meist ausgenommen — sieht man, wenn nicht den Ort ihrer ursprünglichen Herstellung, so doch ihren früheren Zweck an.

Man ist versucht, das mit der Anziehungskraft zu erklären, die die Warenfülle der Industriegesellschaft auf die Menschen der Dritten Welt ausübt: Die Hinweise auf die frühere Bestimmung des Materials wären dann eine mehr oder weniger bewußt gesetzte Chiffre einer erträumten Welt. Doch diese Annahme hält der Realität nicht stand. Denn gerade dort, wo das Recycling besonders floriert, in den Metropolen, wird privater Reichtum ungeniert zur Schau gestellt, daß sich die Träume direkt an den dicken Autos, den protzigen Villen entzünden können und nicht vorliebnehmen müssen mit Gegenständen, von denen jeder weiß, daß sie aus dem Mangel geboren sind. Massenarmut ist Voraussetzung für die Massenproduktion von Zweitverwertetem. Abertausende durchwühlen täglich die Müllkippen der Großstädte oder die Abfalltonnen der Wohlhabenden nach Wiederverwertbarem. Heere von Müllsammlern führen ihre Funde entweder der industriellen Verwendung zu — der Herstellung von Altpapier etwa — oder Handwerkern, die sich auf das Geschäft mit dem ehemaligen Abfall spezialisiert haben. Im Gegensatz zu den Müllsammlern sind die Handwerker längst in den Mittelstand aufgestiegen. Daß sie "Müll" wiederverwerten, schmälert ihr Sozialprestige nicht, wie der Münsteraner Ethnologe Jürgen Grothues in einem kleinen, gleichwohl üppig ausgestatteten Buch zum Thema schreibt. Grothues ist Initiator der Stuttgarter Ausstellung.

In Ländern wie der Bundesrepublik, wo eine fünfköpfige Familie pro Jahr durchschnittlich zwei Tonnen Müll erzeugt, wird Altmaterial erst einmal in seine Urform zurückverwandelt, bevor es wieder in den Produktions- und Konsumkreislauf zurückgeschleust wird. Das geschieht im industriellen Verfahren: es braucht viel Kapital, viel Energie und wenig Arbeitskraft — ganz anders also als das handwerkliche Recycling in der Dritten Welt. Wir stellen ein Material her, dessen Geschichte getilgt ist und das als Ausgangspunkt dient zu neuem Produzieren und neuem Konsum. Vielleicht verleugnen unsere industriell gefertigten Waren der Alltagskultur jeden Hinweis auf ihre Vergangenheit, damit der Gedanke an Vergänglichkeit nicht aufkommt: schöne neue, immerneue Welt. Vielleicht liegt es auch an ihrer Geschichtslosigkeit, daß sie stets ein bißchen zu kühl und zu glatt daherkommen.