Der „Hinrichtungsbefehl“ steht fest, der Tag seiner Vollstreckung ist noch ungewiß. Die Extremistenorganisation Hisbollah, eine libanesische Terrorfiliale des iranischen Revolutionsführers Chomeini, läßt keinen Zweifel daran, daß sie des Ajatollahs Mordauftrag ausführen und den anglo-indischen Schriftsteller Salman Rushdie für seine „Satanischen Verse“ bestrafen wird. In fünf britischen Städten sollen bereits fanatische Moslems von Vertretern der „Partei Gottes“ im Terrorhandwerk unterwiesen werden. Auch Hussein Musawi, Chef der schiitischen Amal-Miliz, bestärkte seine Glaubensbrüder im fernen England, den „Aidsvirus“ Rushdie zu vernichten.

Der Geist Hassan As-Sabbahs scheint auferstanden. Der „Alte vom Berge“, Begründer eines ismaelitischen Mordbundes im Hohen Mittelalter, ließ seine Killer, die sogenannten Assassinen, ausschwärmen, um eigensinnige sunnitische Wesire und Kalifen, Sultane und Theologen hinzurichten. Von der Gebirgsfeste Alamut aus versetzte er die islamischen Höfe in Furcht und Schrecken. Seine Schwadronen meuchelten auch Europäer: Marquis Conrad Monteferrat, der König von Jerusalem, Kreuzfahrer und Mönche mußten dran glauben. Hassan wurde im iranischen Ghom geboren, wo einst Chomeini lehrte. Er verwaltet nun das Erbe des grausamen Assassinen.

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Der Zorn des Schiitenführers hat in der islamischen Welt einen Flächenbrand ausgelöst. Aufgebrachte Moslems fordern im Libanon, in Bangladesch, Pakistan und Indien den Kopf des „Ketzers“. In Bombay kam es nach dem Freitagsgebet zu blutigen Unruhen, die Polizei erschoß zehn Menschen.

Zu dieser Zeit weilte gerade der stellvertretende irakische Außenminister Nizar Hamdoon in Delhi. Er verwarf zwar das blasphemische Werk, verurteilte aber den Bannstrahl Chomeinis. Moderate Töne wurden auch in Ägypten, Jordanien, Tunesien und sogar in Libyen laut. Die Hochschule al Azhar in Kairo, höchste „Lehrstelle“ der Sunniten, nahm Abstand vom rachsüchtigen Ajatollah. Nachbarn des Iran wie Saudi-Arabien scheuen hingegen klare Worte. Sie könnten die vorsichtigen Annäherungsversuche nach dem Golfkrieg schon im Keim ersticken.

Derweil bricht in Europa und Amerika die Nachfrage nach dem Roman alle Rekorde. Bei amerikanischen Buchhändlern klingeln unablässig die Telephone; die Kunden wollen vorbestellen, weil die Erstauflage der „Satanic Verses“ längst vergriffen ist. Auch in England waren die Regale im Nu leer, in Italien gingen die „Versi satanici“ weg wie warme Semmeln. Hierzulande müssen sich die Leser noch gedulden. Immerhin haben sich nun 24 Verlage zusammengetan, um das Buch gemeinsam herauszugeben.

Alle reden über das Buch, die wenigsten kennen den Inhalt. Nabil Scharif, Kommentator der jordanischen Tageszeitung al Dustur, gibt freimütig zu, er habe es nicht gelesen. Ihn stört, daß die westlichen Medien die Affäre benutzen, um die Muslime als rückständig, engstirnig und jähzornig zu geißeln. Was für orthodoxe Eiferer wie Salman Ghaffari zutrifft, kann in der Tat nicht für eine Weltreligion insgesamt gelten. Dieser Gesandte des Chomeini-Regimes beim Vatikan hatte nämlich gegiftet: „Wer Gott beleidigt, muß sterben!“

Am Rande der Beisetzung des japanischen Kaisers warb der britische Außenminister Sir Geoffrey Howe für die Isolierung des Iran. Kanada, Schweden, Osterreich und andere Länder wollen es den EG-Staaten gleichtun und ihre Botschafter zurückrufen. Der sowjetische Außenminister Schewardnadse versuchte bei seiner Visite im Iran, die Wogen zu glätten. Die Sowjets haben sogar den Eindruck gewonnen, daß die Iraner an einer Beilegung des Konflikts „aufrichtig“ interessiert seien. Es sieht nicht so aus: Das Parlament in Teheran hat unterdessen ultimativ angedroht, alle Drähte nach London zu kappen. Bartholomäus Grill.