Von Peter Glotz

Kennen Sie schon den neuesten Witz aus Prag?" fragt das Mitglied des Präsidiums der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. "Die Frage lautet: Warum gibt es neuerdings so viel Smog über Prag? Die Antwort: Weil der Sozialismus in Polen und Ungarn verdunstet."

Die überwiegende Mehrheit im Westen wird diesen Witz als zynische Posse abtun. Er ist auch zynisch, von Posse allerdings keine Rede. Wer sich klarmacht, wie idealistisch und ernsthaft junge Kommunisten der Tschechoslowakei in den sechziger Jahren den Stalinismus mit Chruschtschow zu überwinden versuchten und wie brutal Breschnjew dann die Reformen der (allerdings nicht immer professionellen) Dubcek-Führung niederschlug, der versteht die Bitterkeit, mit der so manche kommunistische Funktionäre Ostmitteleuropas derzeit auf die Reformimpulse Gorbatschows reagieren. Ihr habt uns doch immer gesagt, so attackieren sie ihre Dialogpartner aus dem Westen, daß wir nicht blind der Sowjetunion nacheifern sollen. Jetzt sollen wir ihr wieder einmal blind folgen?

Der große Reformprozeß Michail Gorbatschows löst überall in Ostmitteleuropa Widerspruche aus; von Land zu Land allerdings sehr unterschiedliche. Die Tschechoslowakei steht nach wie vor unter dem Schock von 1968. Die Führung weiß, daß "ein bißchen Demokratie" genauso wenig zu haben ist wie das berühmte "bißchen Schwangerschaft". Ihre Erfahrung ist: Je großer die Zugeständnisse an die Opposition, desto größer die Forderungen. Also blockt sie ab; für den mächtigen, viele hunderttausend Menschen umfassenden und 1969 geradezu klinisch gesäuberten Apparat der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei geht es um eine Existenzfrage: Sie oder wir. Und keiner soll sich einbilden, daß ein kommunistisches Land im Jahre 1989 noch so funktioniert wie Stalins Sowjetunion in den dreißiger Jahren. "Der polnische Papst kann mit seinen Bischofen viel schärfer umspringen als das Präsidium der KPČ mit seinen Bezirkssekretären", sagt ein kundiger, altgedienter Intellektueller aus dem Randbezirk der Partei. Der Mann wird wohl recht haben.

Deshalb ist die Führung in der Tschechoslowakei verunsichert und in Dispute über die Strategie verwickelt. Von dem berüchtigten "Dogmatiker" Vasil Bilak, der Ende 1988 in Pension geschickt wurde, konnte man viele Jahre lang auf konkrete Fragen und Forderungen konkrete Antworten bekommen: ja oder nein. Wer heute ein Präsidiumsmitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bittet, eine Ausreisegenehmigung zu veranlassen, sich für ein mildes Urteil einzusetzen oder eine bestimmte Diskussion in die Wege zu leiten, bekommt zu hören: Das ist die Aufgabe der staatlichen Institutionen. Im Mai 1990 steht der 18. Parteitag der KPČ bevor. Die Gerüchte schwirren. Wird Generalsekretär Jakeš ein paar der Hardliner aufs Altenteil abdrängen? Oder wird er gar selbst durch irgendeinen Youngster abgelöst? Ist der 1945 geborene Chef der Prager Parteiorganisation, Stepan, wirklich ein harter, für brutale Polizeieinsätze verantwortlicher Dogmatiker oder doch ein verkappter Reformer? Die Lage ist kompliziert und schwer durchschaubar, die Manövrierfähigkeit der Führung erheblich eingeschränkt.

Auch die Opposition ist von der Lethargie der letzten zwanzig Jahre beeinflußt. Ihre bisherige Führung stammt samt und sonders aus der moralisch eindrucksvollen Oppositionsgruppe "Charta ’77"; aber die herausragenden Köpfe (wie zum Beispiel Jiři Hajek, Milos Hajek, Rudolf Battek) sind zumeist alte Männer – und es ist ja auch nicht denkbar, daß nach einer zwanzigjährigen Periode der Repression plötzlich politisch erfahrene junge Leute das Heft des Handelns an sich reißen könnten. Kein Zweifel: Die Oppositionsbewegung hat sich verbreitert. Es ist fast eine Sensation, daß in der Tschechoslowakei rund 3000 Schriftsteller, Theaterleute, Wissenschaftler und Schauspieler eine Resolution gegen Übergriffe der Polizei unterschrieben haben. Auch rühren sich junge Aktivisten und begründen Gruppen, die dann plötzlich "Masaryk-Gesellschaft" oder "Böhmische Kinder" heißen. Aber ein charismatischer Fuhrer wie Lech Walesa ist nicht erkennbar; und die katholische Kirche, in Polen die hegemoniale Kraft, ist in der Tschechoslowakei eine respektierte, aber mittlere Macht. Eine großangelegte Auseinandersetzung, wie sie derzeit zwischen der Rakowski-Regierung und der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen stattfindet, ist deshalb in der Tschechoslowakei (noch) nicht denkbar.

Zwei neuen Gruppen schenkt die politische Führung der Tschechoslowakei große Aufmerksamkeit. Da ist zuerst ein Komitee um den früheren ZK-Sekretär und ehemaligen Präsidenten der Föderalversammlung, Cestmir Cišar. Die Gruppe, die für eine sozialistische Umgestaltung kämpft und von der Partei halb achtungsvoll, halb verächtlich als Club Obroda (Obroda heißt Wiedergeburt) bezeichnet wird, argumentiert strikt reformkommunistisch und verlangt eine moralische und politische Rehabilitierung Dubčeks und seiner Leute. Es ist schwer, diese Organisation als "antisozialistisch" abzustempeln. Sie könnte der Kristallisationspunkt einer wirksamen Opposition werden.