Von Karl Mittermaier

Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Österreich von St. Germain am 10. September 1919 ist Südtirol, das Land zwischen Brenner und Salurner Klause, Italiens nördlichste Provinz. Schon damals wurde diese Annexion als offenkundiges Unrecht kritisiert, auch von englischen Politikern. Der wirkliche Existenzkampf der Bevölkerung als Minderheit begann 1921 mit der Machtübernahme der Faschisten. Die kompromißlose Entnationalisierungspolitik (systematisch organisierte Zuwanderung italienischer Arbeiter- und Beamtenfamilien, Verbot der deutschen Muttersprache im staatlichen Schulunterricht) sollte den tirolischösterreichischen Charakter der Menschen und des Landes auslöschen und das Prinzip der italianità durchsetzen.

Allmählich orientierten sich zunehmend mehr Südtiroler erwartungsvoll an der proklamierten Ideologie der Volksgemeinschaft im neuen Deutschland Adolf Hitlers. Doch Südtirol wurde ein Opfer der Staatsräson des „Dritten Reiches“. Hitler räumte dem Bündnis mit Italien oberste Priorität ein: Die Achse Berlin-Rom galt ihm als wichtigste Voraussetzung einer erfolgreichen Strategie in Mitteleuropa.

Das bedeutete den Verzicht auf das Land. Die Südtiroler kannten diese Haltung, wußten aber auch von Versprechungen seiner politischen Funktionäre, auf keinen Deutschen zu verzichten. Südtiroler Abordnungen versuchten erfolglos, Hitler umzustimmen. Nach dem Anschluß Österreichs im März 1938 bezeichnete Hitler die Anerkennung der Brennergrenze zwischen Italien und dem Großdeutschen Reich als politisches Vermächtnis.

Zu dieser Zeit schrieb der faschistische Staatssekretär und Theoretiker des Rassenantisemitismus in Italien, Giovanni Preziosi, an Mussolini, das einzig wirksame Mittel einer erfolgreichen Italianisierung in Südtirol sei die Rückführung der Deutschen ins Reich. Nach faschistischer Anschauung war das angeblich ehemals italienische Land Südtirol erst im Laufe der Geschichte verdeutscht worden. Die Frage nach den Urhebern der Umsiedlungsidee ist umstritten: Italien suchte nach dem Krieg die Verantwortlichen im Deutschen Reich, während deutschsprachige Autoren die treibenden Kräfte Italien zusprachen. Tatsächlich hatten der italienische Nationalist und Irredentist Ettore Tolomei und der italienische Abgeordnete Adriano Colocci-Vespucci schon 1914/15 und 1918/19 Aussiedlungspläne für die Südtiroler ausgearbeitet. In seinem Italianisierungswahn verlangte Tolomei 1936, die Südtiroler Bauernfamilien in das soeben von Italien eroberte Äthiopien umzusiedeln.

Die Faschisten dachten zuerst nur an eine Aussiedlung der deutschen Staatsbürger (die meisten waren Österreicher) und der antifaschistischen Südtiroler Aktivisten. Nach dem Abschluß des Stahlpaktes im Mai 1939 planten die Nationalsozialisten ein Plebiszit zu ihren Gunsten: Alle Südtiroler sollten geschlossen umgesiedelt werden. Erst im Laufe der Verhandlungen zwischen dem Reichsführer SS Himmler und einer italienischen Delegation wurde die Umsiedlung auf der Basis einer freien Entscheidung vereinbart. Italien war an einer geschlossenen Abwanderung aller Südtiroler spätestens seit Herbst 1939 nicht mehr interessiert. Das wirtschaftlich geschwächte Land hätte ein menschenleeres Südtirol kaum verkraftet. Laut der Berliner Vereinbarung vom 23. Juni 1939, auch Optionsabkommen genannt, mußte, wer sich für Deutschland entschied, auswandern; wer für Italien optiere, müsse damit rechnen, die Identität als Tiroler, als Südtiroler, zu verlieren, so zumindest argumentierten die Umsiedler.

Nun brach in Südtirol ein heftiger Propagandakrieg aus, da Deutsche wie Italiener ihr jeweiliges Abwanderungsziel erreichen wollten. In der ersten Julihälfte des Jahres machte der Völkische Kampfring Südtirols eine totale Kehrtwendung von der ehemals betonten Aufforderung zum „Dableiben unter allen Umständen“ zur völligen Unterstützung der Umsiedlung. Damit hämmerte eine funktionstüchtige Organisation vehement auf die Südtiroler ein, sich zum Deutschen Reich zu bekennen, wogegen die zahlenmäßig viel schwächere Gruppe der Dableiber, verbal unterstützt vom Klerus und einigen katholischen Laienbewejungen, unterlegen war. Fürsprecher der Option machten auch vor tätlichen Ausschreitungen, öffentlichen Verleumdungen und ausfälligen Bezichtigungen nicht halt. Die NS-Akteure mit ihrem nationalistischen Pathos überzeugten täglich mehr unentschlossene Menschen. Bis zum 31. Dezember 1939 mußten alle Erklärungen abgegeben sein. 86 Prozent der Südtiroler, genau 210 000 Menschen, stimmten für die Abwanderung ins Reich. 75 000 Menschen verliefen in der Folge die Heimat, zuerst unselbständige Erwerbstätige, Lohnabhängige, Tageöhner, Pensionisten und Rentner, was nicht den Erwartungen des Hitler-Regimes entsprach: Durch die Umsiedlung sollten die Vermögenswerte der Betroffenen liquidiert und :ransferiert werden.