Frankfurt, Opernplatz: Aus dem Fenster des luxuriösen Cafés sieht man auf den Prunkbau der Alten Oper, dahinter erheben sich die spiegelnden Türme der Deutschen Bank in den Himmel. Hier beginnt einer der teuersten Flecken der Bundesrepublik, eine Baustelle, aus der auf engstem Raum ununterbrochen postmoderne Prunkbauten und neue Hochhäuser emporwachsen. In der Frankfurter Innenstadt sind Quadratmeterpreise von tausend Mark keine Seltenheit. Und hier im „Operncafé“ müßten sie, wenn überhaupt, zu finden sein, die young urban Professionals, die Schnellaufsteiger, die stromlinienförmigen Karrieristen, kurz: Yuppies. An den Frankfurter Kneipentischen und in den politischen Diskussionen vor der Kommunalwahl am 12. März ist „Yuppie“ ein magisches Wort geworden; es dient als Feindmarkierung und Chiffre für das, was mit Frankfurt derzeit passiert – einer Stadt, der Banken und internationales Kapital heute zu einem (zweiten) großen Boom verhelfen.

Doch was ist das überhaupt, ein Yuppie? Große Verwirrung. Niemand, der sich im „Operncafé“ zum Yuppietum bekennen würde. Der Herr im Nadelstreifen erweist sich als Pharmavertreter aus Plettenberg im Sauerland, die drei champagnertrinkenden Damen als Messegäste, der junge Mann mit der teuren Lederjacke und dem Samsonite-Köfferchen ist entrüstet, als man ihn fragt, ob er sich als Yuppie definieren würde. Er liest gerade das Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand. Dort klagt ein Autorenpaar über die neue Wohnungsnot, deren Ursache sie in der gentryfication, der unaufhaltsamen Modernisierung und Monetarisierung der Stadt sehen: „Die Dienstleistungen der Banken, Versicherungen und Werbeagenturen sprießen und wuchern, sie führen eine Flut von wohlbetuchten Yuppies nach Frankfurt.“

„Yuppies gibt es hier nicht“, behauptet hingegen Christian Wülfing, ein ehemaliger Klatschkolumnist, der seit zehn Jahren mitten im Herz der Stadt wohnt – direkt auf der Edel-Meile Fressgass. „Die echten Yuppies sitzen oben in den Hochhäusern und verschwinden nach Geschäftsschluß in den Taunus. In der Stadt selbst haben sie nichts zu melden. Was hier an manchen Tagen im Operncafé zusammensitzt, das bringt es leicht auf zweihundert Jahre Knast. Ein bißchen Rauschgift, ein bißchen Betrug – die Reputation leidet darunter nicht im geringsten, so was ist einer metropolitanen Karriere durchaus förderlich. Frankfurt ist voll von Proleten, die nach oben gekommen sind.“

Eddi Zari mit dem Ferrari macht am Main die große Kohle: Halbwelt als Yuppie-Ersatz? „Der Stadt“, ergänzt der Schauspieler und Parvenue Alfred Edel, ein berühmtes Frankfurter Faktotum, „der Stadt fehlt das 19. Jahrhundert. Hier gibt es keine barocke Stadtkultur wie in München, kein stabiles liberales Bürgertum wie in Hamburg. Hier kann man sich nur an der Zukunft orientieren, alle Versuche, sich in der Vergangenheit einzubunkern, mißlingen.“

Boomtown: Wenn man den ominösen „Yuppie“ pur materialistisch definiert – als jungen Angestellten mit einem Monatsgehalt ab fünftausend Mark im Monat –, dann stellt er in der Stadt am Main (und deren Peripherie) eine zweifelsohne rapide wachsende Spezies dar. Der Zuzug von experimentierfreudigen Computerfirmen, deren 25jährige Chefs sich sogleich einen neuen Saab leisten können, agilen Dienstleistungsunternehmern mit sechsstelligen Jahresgehältern und Banken inklusive ihrer Vorstände, hält ungebrochen an. Frankfurt ist mit Abstand die reichste Stadt der Republik: Das erzielte Bruttosozialprodukt pro Bürger beträgt hier 78 531 Mark (in Hamburg sind es 47 093, in Stuttgart 57 960 Mark). Die Arbeitslosigkeit stagniert auf einem relativ niedrigen Niveau von etwa sechs Prozent.

Während andere wohlhabende deutsche Städte wie München und Stuttgart ihre Kapitalkraft heute aus modernen Industrien, etwa der Elektronik- und Autobranche, beziehen, ist Frankfurt bereits zwei Schritte weiter – keine Stadt ist dermaßen „postindustriell“ strukturiert wie diese. Die Angestelltenschicht verfügt längst über die absolute Mehrheit – 55 Prozent –, während der „Arbeiterklasse“ keine 18 Prozent mehr angehören. In Frankfurt wandelt sich der tertiäre Sektor – die Dienstleistungen – bereits in den quartären: Dienstleistungen für Dienstleistungen. In gutbezahlten „Supervisions-Berufen“, wie Rechts-, Steuer- oder Unternehmensberater, „Consulting“ oder Wirtschaftsprüfer, arbeiten in der Stadt am Main bereits 60 000 Menschen. Fünfzig Prozent der Werbeetats der Bundesrepublik werden hier in Sprüche und Spots umgesetzt. Frankfurt verfügt über die höchste Motorisierungsquote: 525 Autos kommen auf tausend Einwohner (Hamburg: 430, München: 474), die zweitbeste Bildungsbilanz der Bevölkerung (an erster Stelle: Erlangen) und den höchsten Kulturetat pro Einwohner: 425 Millionen Mark pro Jahr, das sind immerhin elf Prozent vom Gesamtetat der Main-Metropole.

Hat da jemand Metropole gesagt? Von 149 bundesdeutschen Banken siedelten 79 ihren Hauptsitz in der Stadt am Main an; 247 Auslandsbanken eröffneten hier Deutschland-Dependancen. Im Frankfurter Flughafen werden derzeit – wieder einmal – Milliardensummen zur Erweiterung verbaut. Frankfurt verfügt zweifelsohne über Strukturen, die Stadtsoziologen als „Metropol-Funktionen“ definieren: weltweite Vernetzung der Ökonomie, internationaler Verkehrsknotenpunkt, politischer und kultureller Fixpunkt einer großen Region. Auf kleinstem Raum zusammengeballt, saugt die Stadt mit einem leistungsfähigen S-Bahn-Netz jeden Tag eine Viertelmillion Pendler aus der zersiedelten Suburb-Landschaft des Rhein-Main-Gebiets in die Innenstadt – Frankfurt ist in Wirklichkeit weitaus größer, als seine Einwohnerzahl vermuten läßt, es reicht, streng genommen, von Wiesbaden bis Hanau, von Friedberg bis Darmstadt. Die Zahl der Einwohner, auch das ein Extrem, ist kaum höher als die Anzahl der Arbeitsplätze: 625 000 zu 550 000, in anderen Städten liegt das Verhältnis 2:1.